
Nun ist also Schluss. Fünf Staffeln lang hat uns Babylon Berlin durch die letzten Jahre der Weimarer Republik begleitet – durch Mord und Kokain, Politik und Prostitution, Moka Efti und Reichstagsbrand. Eine gewaltige Produktion, keine Frage. Aber war es auch eine große Serie? Vor allem aber bleibt ein Song: „Zu Asche, zu Staub“. Der fasst die Geschichte besser zusammen als jede Kritik.
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Babylon Berlin ist vorbei. Zehn Jahre nach dem Start, fünf Staffeln und 48 Folgen später, endet eine der aufwendigsten und international erfolgreichsten deutschen Serienproduktionen. Die letzte Staffel führt Gereon Rath und Charlotte Ritter in den Februar 1933, also in jene wenigen Wochen, in denen aus der Weimarer Republik endgültig eine Diktatur wird. Hitler ist Reichskanzler, die politische Gewalt eskaliert, der Reichstagsbrand steht bevor – und mitten hinein setzt die Serie noch einmal Mord, Verschwörung, Geheimakten und persönliche Schicksale.
Ich habe Babylon Berlin von Anfang an mit einer gewissen Ambivalenz verfolgt. Die Serie besitzt nahezu alles, was man sich von einem großen historischen Fernsehprojekt wünschen kann: eine faszinierende Epoche, eine spannende Grundidee, aufwendige Kulissen, hervorragende Ausstattung, Musik, Kamera und ein Berlin, das gleichzeitig verführerisch und bedrohlich wirkt.
Und trotzdem hatte ich über weite Strecken das Gefühl: Da wäre mehr drin gewesen.
Schau’n wir mal, was das Finale bietet.
EIN BERLIN, DAS MAN NICHT VERGESSEN KANN
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Babylon Berlin sieht verdammt gut aus.
Das ist keine Kleinigkeit. Die Serie hat ein Berlin geschaffen, das man beinahe körperlich spürt. Hinterhöfe, Mietskasernen, Polizeibüros, Tanzlokale, Filmstudios, Villen, Bahnhöfe und die Nachtclubs der Hauptstadt ergeben ein riesiges Panorama. Armut und Luxus liegen nur wenige Straßenzüge auseinander. Draußen demonstrieren Kommunisten und Nationalsozialisten, drinnen wird getanzt. Kokain und Champagner treffen auf Hunger und politische Gewalt.
Die Serie versteht es, diese Widersprüche sichtbar zu machen.
Und sie hatte von Anfang an einen reizvollen erzählerischen Kern: Gereon Rath, der aus Köln nach Berlin kommt, Charlotte Ritter, die sich als Frau in einer Männerwelt der Polizei behaupten muss, dazu Mordermittlungen, Korruption, politische Intrigen und eine Republik, deren Fundament von Staffel zu Staffel mehr wegbröckelt.
Das funktioniert.
Babylon Berlin ist ambitioniert, aufwendig und immer wieder ausgesprochen spannend. Nicht zuletzt hat die Serie gezeigt, dass deutsche Fernsehproduktionen international funktionieren können. Die ARD spricht inzwischen von mehr als 100 Millionen Abrufen in der Mediathek und Verkäufen in mehr als 140 Länder.
Das ist eine bemerkenswerte Bilanz.
Nur: Aufwand bedeutet nicht zwangsläufig Qualität.
DER MANN HINTER RATH UND RITTER
Die Vorlage für Babylon Berlin stammt von Volker Kutscher und seiner abgeschlossenen Reihe um Kommissar Gereon Rath. Kutschers Romane sind Krimis vor dem Hintergrund des politischen und gesellschaftlichen Zerfalls der Weimarer Republik. Die Serie geht einen Schritt weiter: Aus dem Kriminalroman wird zunehmend ein großes Gesellschaftspanorama, aus Rath und Charlotte Ritter das Zentrum einer ganzen Epoche.
Das ist ihre große Stärke – und zugleich ihr Problem: Je größer das Panorama wird, desto kleiner wirkt mitunter die zugrundeliegende Kriminalgeschichte.
WENN DIE 20ER ZU SEHR NACH DEN 20ERN AUSSEHEN SOLLEN
Mein erstes Problem mit Babylon Berlin hatte ich bereits nach der ersten Staffel.
Die Serie wollte mir die 20er Jahre manchmal zu unbedingt zeigen.
Dann wird aus einem historischen Zeitbild ein Klischee-Feuerwerk: noch mehr Dreck, noch mehr Drogen, noch mehr Prostitution, noch mehr Dekadenz, noch mehr Berliner Schnauze, noch mehr androgynes Nachtleben. Fast scheint es, als hätten die Verantwortlichen Angst gehabt, der Zuschauer könnte nach zehn Minuten vergessen, dass wir uns in den „Goldenen Zwanzigern“ befinden.
Natürlich gab es all das.
Berlin war eine moderne, widersprüchliche und kulturell äußerst lebendige Metropole. Gleichzeitig waren Armut, politische Gewalt, soziale Not und gesellschaftliche Spannungen Realität. Die Serie hat also durchaus einen historischen Kern.
Nur muss man nicht jede Minute sämtliche verfügbaren Zutaten in den Topf werfen. Nicht jeder Berliner Hinterhof war ein Schlachthaus, nicht jede Nacht ein Drogenrausch und nicht jede Frau im Berlin der 20er eine Charleston-Tänzerin.
Manchmal ist weniger mehr.
Gerade die stärksten Momente von Babylon Berlin entstehen nämlich dann, wenn die Serie ausnahmsweise nicht demonstriert, wie dekadent, dreckig oder gefährlich diese Welt ist, sondern sie einfach zeigt.
STAFFEL 5: DER LETZTE AKT
Die fünfte Staffel erfüllt eine besondere Aufgabe. Sie muss nicht nur eine weitere Geschichte erzählen. Sie muss eine Serie abschließen, deren historischer Countdown seit der ersten Folge unbarmherzig tickt. Sie besitzt dabei einen Vorteil, den ihre Vorgänger nicht hatten: Wir als Zuschauer wissen, dass die Uhr abgelaufen ist. Es geht nicht mehr darum, ob die Republik untergeht, sondern nur noch darum, wie. Der Februar 1933 ist historisch kein Cliffhanger, sondern ein angekündigtes Desaster.
Hitler ist neuer Reichskanzler. Die Demokratie zerfällt innerhalb weniger Wochen. Gegner werden verfolgt, staatliche Institutionen gleichgeschaltet und die politische Gewalt nimmt zu. Die historische Realität dieses Monats ist dramatischer als jeder erfundene Thriller.
Hier liegt gleichzeitig die Stärke und die Schwäche der fünften Staffel: Babylon Berlin möchte Geschichte nicht einfach bloß abbilden. Die Serie möchte sie zum Nail-biter machen: Charlotte Ritter ermittelt in einer Mordserie an ehemaligen Frontsoldaten. Die Spuren führen zurück ins Jahr 1918. Eine verschwundene Akte über Hitlers Zeit als Soldat wird zum zentralen Handlungselement. Gereon Rath verschwindet. Und während sich draußen die Demokratie im Schnellzugtempo verabschiedet, versuchen die zwei Protagonisten, sich einigermaßen unbeschadet durch diese letzten Wochen zu retten.
Das ist dramatugisch clever. Aber irgendwann fragt man sich, ob die historische Wirklichkeit hier noch den Rahmen für die Fiktion bildet – oder ob die Fiktion stattdessen die historische Wirklichkeit zunehmend überfährt.
Damit komme ich zu meinem alten Dauerthema bei Babylon Berlin: den Schauspielern.
Ich weiß, dass ich mir damit nicht unbedingt Freunde mache. Aber nach fünf Staffeln muss ich bei meinem Urteil bleiben: Das schauspielerische Niveau der Serie ist bestenfalls mittelmäßig, phasenweise sogar erstaunlich schwach.
Volker Bruch als Gereon Rath hat über weite Strecken einen erstaunlich begrenzten Ausdrucksapparat. Als Gereon Rath agiert er häufig erstaunlich eindimensional – was besonders dann auffällt, wenn die Figur eigentlich zwischen Schuld, Angst und moralischer Entscheidung schwanken sollte.
Andere Darsteller neigen zum Gegenteil: Sie spielen nicht eine Figur, sondern liefern gleich deren komplette psychologische Bedienungsanleitung mit. Vor allem Lars Eidinger mit seinem permanenten Overacting stellte mich als Zuschauer immer wieder auf die Probe. Der von ihm verkörperte Großindustrielle Alfred Nyssen verlangte gemäß Regieanweisung ganz augenscheinlich nach Exzentrik. Aber Eidinger treibt diese Exzentrik regelmäßig so weit, dass ich nicht mehr der Rolle zuschaue, sondern dem Schauspieler dabei, wie er versucht, möglichst exzentrisch zu wirken. Wut, Verzweiflung, Nervenzusammenbruch, Hysterie – alles wird maximal ausgestellt. Anstatt dass eine Emotion entsteht, bekomme ich ihre Demonstration.
Es gibt Ausnahmen. Liv Lisa Fries gehört für mich eindeutig dazu. Auch einige Nebenfiguren funktionieren wesentlich besser als andere. Aber immer wieder habe ich das Gefühl, deutschen Schauspielern beim Schauspielern zuzusehen.
Das ist schade.
Denn die Figuren hätten mehr verdient.
ZU ASCHE, ZU STAUB
Dieser Song ist vielleicht das Beste, was Babylon Berlin hervorgebracht hat.
„Zu Asche, zu Staub“.
Man muss ihn nicht erklären. Die ersten Takte reichen, und wir befinden uns wieder im Moka Efti. Severija Janušauskaitė als Swetlana Sorokina beziehungsweise Nikoros auf der Bühne, androgyne Erscheinung, Tanz, Nachtleben, Rausch. Der Song wurde für Babylon Berlin geschrieben und in den ersten beiden Staffeln mehrfach als zentrale Bühnennummer eingesetzt.
Was ihn so großartig macht, ist nicht nur seine Melodie.
Es ist die Verbindung von Inhalt und Bild.
„Zu Asche, zu Staub“ wäre die perfekte alternative Überschrift für die gesamte Serie.
Eine Gesellschaft tanzt, während sie zerfällt. Menschen feiern, während sich draußen die politische Katastrophe zusammenbraut. Die Nacht ist hell, die Zukunft dunkel. Freiheit und Untergang liegen bedrohlich nah beieinander.
Der Song besitzt etwas Rauschhaftes, aber gleichzeitig Unheilvolles. Damit bringt er das Grundgefühl von Babylon Berlin besser auf den Punkt als ganze Dialogseiten.
Es ist bezeichnend, dass dieses Lied für mich zu den Dingen gehört, die von Babylon Berlin am längsten im Gedächtnis haften bleiben werden.
ZU VIEL BERLIN, ZU WENIG GESCHICHTE?
Nach fünf Staffeln fällt mein Urteil zwiespältig aus.
Babylon Berlin ist keine schlechte Serie. Dafür besitzt sie zu viele hervorragende Elemente. Die Ausstattung ist großartig. Die Kameraarbeit oft beeindruckend. Die Musik ein Kapitel für sich. Das historische Berlin wurde mit enormem Aufwand zum Leben erweckt. Die Grundidee ist spannend, und über weite Strecken gelingt es der Erzählung, ihre Zuschauer in diese untergehende Welt hineinzuziehen.
Aber die Serie hat für meinen Geschmack nie das Niveau erreicht, das ihre Inszenierung verspricht.
Zu häufig wird Atmosphäre mit Tiefe verwechselt.
Zu häufig wird Exzess zur Charakterzeichnung erhoben.
Und zu häufig wird Geschichte zur Kulisse für einen möglichst spektakulären Plot.
Gerade die fünfte Staffel zeigt dieses Problem noch einmal besonders deutlich. Der Februar 1933 gehört zu den dramatischsten Momenten der deutschen Geschichte. Da braucht es keine übertriebene Dramatisierung.
DAS ENDE EINER GROSSEN SERIE
Trotz aller Kritik ist Babylon Berlin ein bemerkenswertes Projekt.
Fünf Staffeln, zehn Jahre Produktionsgeschichte, 48 Episoden und mehr als 500 Drehtage sind auch für internationale Maßstäbe eine Hausnummer.
Mein persönliches Problem mit Babylon Berlin: Ich hätte dieser Serie gerne mehr Größe zugestanden, als ich ihr am Ende zugestehen kann.
Sie wollte das große deutsche Serienepos sein.
In einzelnen Momenten war sie es auch.
Nach fünf Staffeln bleibt vor allem eines: schade. Schade, weil in Babylon Berlin alles vorhanden war, was es für eine wirklich große deutsche Serie gebraucht hätte. Die Bilder, das Geld, die Musik, die Kulissen, die historische Vorlage. Was hingegen fehlten, waren erzählerische Disziplin und schauspielerische Zurückhaltung. Zwischen Moka Efti und Reichstagsbrand lagen für mich zu viele hölzerne Dialoge, überzeichnete Figuren und dramaturgische Verrenkungen. Eine große deutsche Serie – nur leider nicht die ganz große, die sie hätte sein können.
So präsentiert sich am Ende ein gewaltiges Fernsehereignis.
Ein sehenswertes.
Ein wichtiges.
Ein oft faszinierendes.
Aber kein Meisterwerk.
⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 7 von 10 Punkten – mit Bauchschmerzen.
Zu sehen in der ARD-Mediathek und ab Samstag, 19. Sept., im Abendprogramm der ARD
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Gangsterserien gibt es viele. Historienserien ebenfalls. Doch nur wenige verbinden beides so überzeugend wie Godfather of Harlem. Statt ausschließlich auf fiktive Figuren zu setzen, baut die Serie ihre Handlung um reale Persönlichkeiten auf: Malcolm X, Adam Clayton Powell Jr., Vincent Gigante, Joe Colombo oder den jungen Frank Lucas. Dadurch entsteht weit mehr als ein klassisches Mafiaepos. Godfather of Harlem erzählt die Geschichte eines Amerikas im Umbruch – zwischen Bürgerrechtsbewegung, organisierter Kriminalität und der Heroin-Epidemie, die Harlem für Jahrzehnte prägen sollte. Wer American Gangster liebt, bekommt hier dessen faszinierende Vorgeschichte – auch wenn die Serie historische Fakten an einigen Stellen zugunsten der Dramaturgie verdichtet. (14. Juli 2026)
