Alkohol ist in Deutschland billig, leicht verfügbar und wird im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel konsumiert. Ab dem 1. Januar 2027 werden einige Getränke um 20 Prozent teurer – bis 2031 sollen dadurch rund 2,2 Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskasse fließen. Gesundheitspolitik oder Einnahmequelle: Wer profitiert von der Steuererhöhung?
Ein Land, in dem Alkohol billig ist
Alkohol ist billig. Im europäischen Vergleich sogar ausgesprochen billig. Im Oktober 2025 kosteten alkoholische Getränke im Einzelhandel 14 Prozent weniger als im EU-Durchschnitt. Nur Italien bot noch niedrigere Preise. In Dänemark mussten Verbraucher 23 Prozent tiefer in die Tasche greifen, in Finnland sogar 110 Prozent. Gleichzeitig ist Alkohol in Deutschland überall erhältlich: im Supermarkt, beim Discounter, an der Tankstelle, im Kiosk, auf dem Weihnachtsmarkt, im Stadion, im Restaurant und an der nächsten Ecke. Wer Alkohol kaufen will, muss keine besonderen Hürden überwinden. Er braucht Geld und einen Laden. Mehr nicht.
Und es wird viel getrunken bei uns. Nach aktuellen internationalen Vergleichsdaten entfallen auf jede Person ab 15 Jahren 10,6 Liter reiner Alkohol pro Jahr. Der Referenzwert für Industriestaaten beträgt 8,5. Damit kommt rund ein Viertel mehr Alkohol zusammen als im Schnitt der OECD-Mitglieder. Die Einordnung zeigt: Es handelt sich nicht um ein kleines kulturelles Randproblem. Unser Land gehört zu den Staaten mit hohem Alkoholkonsum. Bei einer weiter gefassten Berechnung des schädlichen Trinkens werden sogar 12,9 Liter pro Kopf ausgewiesen. Die Differenz erklärt sich durch unterschiedliche Datengrundlagen und Berechnungsmethoden. An der grundsätzlichen Aussage ändert das nichts. Die Zahlen der WHO weisen in dieselbe Richtung: auch hier liegt Deutschland beständig unter den Top 10 der weltweit führenden Trinknationen.
Das passt zu einem Land, in dem Alkohol seit Jahrzehnten zum Alltag gehört wie Brot, Wurst und die Frage, wer beim Grillen noch eine Kiste Bier holen geht. Alkohol ist Genussmittel, Kulturgut, Feierabendritual und soziales Bindemittel. Gleichzeitig stellt er ein erhebliches Gesundheits- und Suchtproblem dar. Die OECD nennt für Deutschland 34 Prozent der Erwachsenen, die mindestens einmal im Monat Rauschtrinken betreiben, und einen Anteil von 3,5 Prozent Alkoholkranken.
Ab Januar wird die Rechnung höher
Alkohol wird teurer. Zum 1. Januar 2027 erhöht der Bund die Steuern auf Alkohol, Schaumwein, Zwischenerzeugnisse und Alkopops um 20 Prozent. Die Maßnahme ist Teil des Haushaltsbegleitgesetzes 2027. Der Staat erwartet daraus im kommenden Jahr zusätzliche Einnahmen von 380 Millionen Euro, 2028 sollen es 455 Millionen sein. Bis 2031 fließen so rund 2,2 Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskasse.
Jetzt wird die Sache interessant. Denn natürlich lässt sich eine höhere Alkoholsteuer gesundheitspolitisch begründen. Alkohol wird teurer, der Absatz kann sinken, und reduzierter Konsum bedeutet weniger alkoholbedingte Schäden. Deshalb arbeiten Gesundheitspolitiker und internationale Organisationen seit Jahren mit dem Instrument der Besteuerung. Die OECD nennt höhere Preise und Steuern ausdrücklich als Möglichkeit, Alkohol weniger erschwinglich zu machen.
Deutschland geht einen anderen Weg. Der Staat erhöht die Steuer und freut sich gleichzeitig über die zusätzlichen Einnahmen. Das ist kein Geheimnis und kein politischer Skandal. Die zusätzlichen Milliarden sind Bestandteil der Haushaltsplanung. Aber es ist ein bemerkenswerter Interessenkonflikt: Der Staat möchte, dass Alkohol weniger attraktiv wird, und profitiert gleichzeitig finanziell davon, dass Alkohol gekauft wird.
Der Staat sitzt mit am Tisch
Der Satz „Der Staat trinkt mit“ ist deshalb mehr als eine hübsche Überschrift. Der Staat sitzt gewissermaßen mit am Tisch. Bei jeder besteuerten Flasche verdient er mit. Je mehr verkauft wird, desto mehr fließt in die Kasse. Gleichzeitig bezahlt die Gesellschaft die Folgen des Konsums: Behandlungskosten, Suchtberatung, Entgiftungen, Reha, Arbeitsausfälle, Unfälle, Gewalt und die vielen Schäden, die erst gar nicht in der Rechnung auftauchen. Alkoholabhängigkeit trifft nicht nur denjenigen, der trinkt. Sie trifft Partner, Kinder, Eltern, Kollegen und Freunde.
Nun könnte man sagen: Dann muss der Staat den Alkohol eben stärker besteuern. Das ist eine schlüssige Position. Sie wird auch von der Sucht- und Gesundheitspolitik vertreten. Wer ein Produkt verteuert, das erhebliche Schäden verursacht, setzt einen Preis auf einen Teil dieser Schäden. Das ist bei Tabak nicht anders. Und es wäre absurd, die gesundheitlichen Risiken von Alkohol kleinzureden, nur weil Bier und Wein in Deutschland kulturell akzeptierter sind als Zigaretten oder harte Drogen.
Aber nicht jeder Alkohol wird teurer
Der entscheidende Punkt: Die neue Steuer trifft nicht den gesamten Alkohol. Bier und Wein bleiben bei der 2027-Steuererhöhung außen vor. Finanzminister Lars Klingbeil hat das mit unterschiedlichen Zuständigkeiten begründet: Wein wird auf Bundesebene nicht besteuert, ebenfalls beim Bier fließen die Einnahmen an die jeweiligen Länder.
Das ist bemerkenswert. Denn aus Sicht des Körpers ist Alkohol zunächst einmal Alkohol. Die Leber führt keine politische Debatte darüber, ob das Ethanol aus einem Glas Rotwein, einer Flasche Bier oder einem Schnapsglas stammt. Für die gesundheitliche Bewertung spielt die aufgenommene Alkoholmenge eine zentrale Rolle. Steuerrechtlich sieht die Welt jedoch anders aus. Hier gibt es historische Strukturen, unterschiedliche Steuern und verschiedene Zuständigkeiten.
Deshalb wird ab Januar eine Flasche Whisky stärker belastet, während das Bitburger im Kasten und der Chianti im Regal von der Erhöhung nicht betroffen sind. Wer sich für ein Glas Wein entscheidet, bekommt von dieser Steuerpolitik eine andere Botschaft als jemand, der zur Flasche Wodka greift. Das ist politisch erklärbar. Es ist aber nicht identisch mit einer umfassenden Alkoholpolitik.
Gesundheit oder Haushalt?
Das führt zur grundlegenden Frage: Möchte Deutschland den Alkoholkonsum reduzieren, oder will die Bundesregierung zusätzliche Steuereinnahmen erzielen?
Die Antwort lautet: offenbar beides. Das eine schließt das andere nicht aus. Eine Steuer kann gleichzeitig den Konsum bremsen und Geld einbringen. Aber die Gewichtung bleibt interessant. Denn wenn es allein um Gesundheit ginge, müsste man sich fragen, warum speziell Bier und Wein weiterhin so billig und leicht verfügbar sind.
Warum kann ich um 22 Uhr an der Tankstelle eine Flasche Schnaps kaufen, während andere europäische Länder längst mit strengeren Verkaufsregeln, Mindestpreisen oder zeitlichen Beschränkungen arbeiten? Weshalb bleibt Wein steuerlich unangetastet? Warum wird über Prävention gesprochen, solange Alkoholwerbung weiterhin zum Alltag gehört?
Die Steuererhöhung ist deshalb ein erster Schritt, aber keine Revolution. Sie verändert nicht das deutsche Verhältnis zum Alkohol. Sie macht bestimmte alkoholische Getränke teurer. Mehr zunächst nicht.
Für Abhängige ist der Preis nicht das Problem
Für einen trockenen Alkoholiker stellt sich die Frage ohnehin anders. Der Preis einer Flasche ist nicht das entscheidende Problem. Wer abhängig ist, kauft Alkohol nicht, weil er ein besonders gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet. Er kauft ihn, weil sein Gehirn gelernt hat, Alkohol zu verlangen. Zehn, zwanzig oder dreißig Cent mehr können an dieser Stelle keine Therapie ersetzen. Eine Steuer kann Konsummuster beeinflussen. Sie kann Prävention unterstützen. Sie kann den Einstieg erschweren. Sie kann aber nicht das Problem der Abhängigkeit lösen.
Trotzdem ist der Preis nicht unwichtig. Alkohol ist in Deutschland derart billig, dass sich selbst intensiver Konsum finanziell organisieren lässt. Genau das macht die Kombination aus hoher Verfügbarkeit und niedrigen Preisen problematisch. Wer jeden Abend mehrere Bier trinkt, braucht dafür kein hohes Einkommen. Wer täglich eine Flasche Wein leert, muss dafür keinen finanziellen Kraftakt leisten. Und wer eine Flasche billigen Schnaps kauft, bekommt eine große Menge Alkohol für wenig Geld.
Ein erster Schritt – aber wohin?
Vielleicht beginnt sich daran nun langsam etwas zu ändern. Der 1. Januar 2027 bedeutet keinen Wendepunkt, an dem Deutschland plötzlich trocken wird. Aber er markiert eine Veränderung: Der Staat erhöht den Preis bestimmter Alkoholprodukte und kassiert dafür Milliarden. Die gesundheitspolitische Begründung liegt auf der Hand. Die finanzpolitische ebenfalls.
Man sollte deshalb beide Seiten betrachten. Eine höhere Steuer kann gesundheitspolitisch sinnvoll sein, wenn sie den Alkoholkonsum tatsächlich reduziert. Dann stellt sich allerdings die Frage, warum nur bestimmte alkoholische Getränke teurer werden und andere von der Erhöhung ausgenommen bleiben. Geht es dagegen vor allem um zusätzliche Einnahmen für den Staat, sollte die Politik das offen benennen. Denn eine Steuer ist nicht automatisch Gesundheitspolitik, nur weil sie auf Alkohol erhoben wird.
Auch in 2027 gilt weiterhin: Deutschland bleibt das Land, in dem Alkohol (zu) billig, gesellschaftlich akzeptiert und fast überall erhältlich ist.
Nur der Anteil für den Staat wird größer.
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Warum begleitet der Alkohol den Menschen seit vielen tausend Jahren? Weshalb hat es uns speziell diese psychotrope Substanz so angetan? (Erschienen in TrokkenPresse No. 06, Dez./Jan. 2021/22)