Co-Abhängigkeit von Familienmitgliedern

Ein leider nach wie vor vernachlässigtes Thema
trokkenpresse co-abhängigkeit
Eigenes Bild, erstellt mit KI (OpenAI)

Vor ein paar Wochen war ich als Interviewpartner zu ‚Leeroy will’s wissen‘ eingeladen. Die Sendung firmierte unter der Überschrift ‚Alkoholiker trifft Tochter von Alkoholikerin‘. Zwei Stunden lang diskutierten wir alle möglichen Facetten des Alkoholismus und der damit oft einhergehenden Co-Abhängigkeiten von Familienmitgliedern und Partnern. Ein guter Grund, sich mit diesem Thema mal wieder in meiner Trokkenpresse-Kolumne zu beschäftigen.

Man schätzt 8 bis 10 Millionen Co-Abhängige in Deutschland

Co-Abhängigkeit stellt außerhalb von Fachkreisen ein immer noch stark vernachlässigtes Thema dar, obwohl sie aufs Engste mit der Sauferei verwoben ist. Die wissenschaftliche Definition für das traurige Phänomen lautet: „Bezugsperson eines Betroffenen, die durch ihr Verhalten – aktives Tun und/oder Unterlassen – die Sucht des Erkrankten zusätzlich fördert und darüber hinaus unter der Situation leidet. Dies kann im Extremfall soweit gehen, dass der Co-Abhängige selbst süchtig wird.“

Diese hinsichtlich Verbreitungsgrad – für Deutschland wird die Zahl auf 8 bis 10 Millionen Betroffene geschätzt – und Schwere häufig unterschätzte seelische Erkrankung wird in drei Phasen eingeteilt:

(A) Nachsicht: Verständnis, Zuwendung durch Aufmerksamkeit, Verdrängung, Ermunterung zur Selbstdisziplin, Empfehlung, doch mal einen Psychologen aufzusuchen, um über das Problem zu sprechen
(B) Vertuschen: Verheimlichung und Verharmlosung gegenüber Verwandten und Freunden, der Partner übernimmt Aufgaben des immer häufiger handlungsunfähigen Trinkers, uferlose Diskussi-onen, die jedes Mal ohne konkretes Ergebnis enden
(C) Überwachung: Beobachtung, Kontrolle, Streit und gegenseitige Aggression nehmen zu, Verachtung.

Die Extremform der Co-Abhängigkeit besteht im Erdulden häuslicher Gewalt. Welcher Patient kennt sie nicht: die bei jedem Wetter auch in geschlossenen Räumen sonnenbebrillten Ehefrauen, die ihre Aggro-Männer, die im Moment aufgrund von 20 Distra im Magen-Darm-Trakt ausnahmsweise mal friedlich vor sich hin dämmern, in der Klinik besuchen, wo sie ihnen tränenreich verzeihen, anstatt wortlos die Adresse des Scheidungsanwalts auf eine Papierserviette zu schreiben und wieder zu gehen? Wenn die mit Hämatomen übersäte Ehefrau nicht sogar in der Nachbarstation ebenfalls einen Entzug durchläuft.

Ungefähr ein Zehntel der weiblichen Patienten in Suchtkliniken wird mit Prellungen und Schürfwunden eingeliefert. Ein Teil der Opfer findet den Weg ins Krankenhaus alleine, andere werden von Freundinnen begleitet, in schlimmen Fällen eskortiert von der Polizei. Nun läuft folgende Dramaturgie ab: Am ersten Tag schütten die Frauen ihr Herz aus. Die traurige Geschichte der andauernden Prügelorgie wird Ärzten, Pflegepersonal und Mitpatienten erzählt. 24 Stunden später, wenn der erste Schock abflaut, gibt’s die Story be-reits in abgemilderter Version zu hören: „Na ja, so schlimm, wie es gestern aussah, war es dann doch nicht. Horst-Jürgen – mein Mann – ist eigentlich ein herzensguter Kerl. Ihm rutscht halt hin und wie-der die Hand aus.“ An Tag 3 wird schließlich diese Erklärung nachgeschoben: „Ich bin eigenverschuldet die Treppe runtergefallen.“ Zwei Stunden später sitzt Horst-Jürgen händchenhaltend mit der nach wie vor arg lädiert aussehenden Lebensgefährtin im Aufent-haltsraum und hat ihr als Wiedergutmachungspräsent ein Stück Käsekuchen mitgebracht.

Ich habe mich oft gefragt: Warum tun die das? Weshalb versauen sich diese Frauen ihr Leben mit einem trinkenden, prügelnden und offenkundig therapieunwilligen Kerl? Welche Stufe des Masochis-mus muss man erreicht haben, um sich diesem Psychoterror freiwillig jahrelang auszusetzen?

Frühindikatoren und Opfertypen

Psychologen weisen auf fünf Frühindikatoren später möglicher häuslicher Gewalt hin:
(1) Generelle Einstellung: Der Partner äußert sich häufig respektlos und herablassend über Frauen.
(2) Eifersucht: Harmlose Flirts werden zu Staatsaffären aufgebauscht.
(3) Kontrollwahn: Er will – bis ins Detail hinein – für sie entscheiden und über alles informiert werden.
(4) Isolation: Er separiert die Partnerin von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.
(5) Gewalt gegenüber Sachen: Wenn er zornig wird, zerstört er Einrichtungsgegenstände etc. und will sie durch dieses Verhalten einschüchtern.

Die Droge ist dann bloß noch der Brandbeschleuniger, um die angestaute Wut explodieren zu lassen und in physische Gewalt zu verwandeln. Das Problem ist allerdings mehrschichtig. Vereinfacht ausgedrückt lassen sich drei Opfertypen unterscheiden:

(I) Ist sich darüber im Klaren, dass häusliche Gewalt ein wiederkehrendes Phänomen darstellt und es bei nächster Gelegenheit erneut passieren wird; sucht aktiv nach einem Ausweg.
(II) Wie (I), allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass aufgrund falsch verstandener Loyalität und/oder Sorge vor dem finanziellen Absturz der Verbleib in der Beziehung als das geringere Übel angesehen wird; oft auch Angst davor, dass der verlassene Partner nun richtig aufdreht.
(III) Hat die Gewalt akzeptiert und entwickelt ihrerseits unter Alkoholeinfluss sogar den Wunsch, periodisch verprügelt zu werden.

Wie schützt man sich und seine Kinder?

Je länger der Partner die Trinkexzesse toleriert, desto schwieriger wird es, die Geisterbahnfahrt aus eigener Kraft zu stoppen. Denn auch an den Zustand der Co-Abhängigkeit kann man sich gewöhnen.
Was sollte man vernünftigerweise tun, um Schaden von sich selbst – und Kindern, die es ja auch oft gibt – abzuwenden? Spätestens zum Zeitpunkt der Weigerung, sich mit einem Psychologen über das Problem auszutauschen, muss mit Konsequenzen gedroht werden: „Ich ziehe aus und nehme die Kleinen mit!“

Den Trinker aus dem Haus zu bekommen, gestaltet sich zumeist schwierig. Er wird es nicht einsehen, ständig anrufen, vor der Tür stehen bis hin zum Stalking. Mitleid ist das falsche Rezept. Er kann ja gegensteuern, den Konsum reduzieren (besser: komplett stoppen), ärztlichen Rat einholen, sich in therapeutische Behandlung begeben.

Falls er das selbstständig nicht auf die Reihe bekommt, existieren zwei Erklärungsansätze für das Versagen: entweder will er nicht oder die Krankheit ist bereits so weit fortgeschritten, dass es ihm nicht mehr möglich ist, auf die Bremse zu treten. Im zweiten Fall hilft eh nur ein Entzug mit professioneller Unterstützung, der jedoch nur dann erfolgreich sein wird, wenn sich Reha und der Besuch einer Selbsthilfegruppe anschließen.

Die falsche Herangehensweise ist es, dem Trinker ein schönes Zuhause anzubieten, wo er sich jeden Abend gemütlich volllaufen lassen kann. Das bisschen Stress am nächsten Morgen, „Boh, was warst du gestern wieder betrunken. Denk doch auch mal an mich und die Kinder!“, steckt er locker weg, weil er weiß, dass nichts weiter passieren wird.

Alkoholiker sind Egoisten

Alkoholiker sind Egoisten, die alles und jeden ihrer Sucht unterordnen. Allerdings benötigt ein Großteil von ihnen ein halbwegs intaktes familiäres Umfeld, denn der Säufer ist labil und hat große Angst vor dem Alleinsein. An dem Tag, an dem dies alles wegzubrechen droht, schaffen es einige in letzter Sekunde doch noch, den Richtungswechsel herbeizuführen; den anderen ist vom Partner oder von Freunden sowieso nicht zu helfen.

Wer als Partner eines Süchtigen nicht in die Co-Abhängigkeit geraten will, ist also, solange der Erkrankte keine Anstalten macht, die Situation von sich aus zu verändern, gut beraten, die Koffer zu pa-cken und das gemeinsame Haus des Elends – ohne Rückfahrkarte – zu verlassen. Die Erfahrung lehrt: Es wird schlimmer und nicht besser. Bis hin zu häuslicher Gewalt.

Co-Abhängige, die bleiben, sind immer gefährdet, selbst in die Sucht abzurutschen. Zudem steigt bei ihnen das Risiko stark an, an Angstattacken, depressiven Schüben, Selbstzerstörungstrieb und Ähnlichem zu erkranken. Wie eine co-abhängige Bekannte es mir einmal erklärte: „Mein Mann hat den Alkohol im Blut, ich im Kopf. Ich kann kaum noch an was anderes denken.“
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Wer sich die – auf 30 Minuten gekürzte – Aufzeichnung ansehen möchte – der kann das hier tun:

Leeroy will’s wissen
Alkoholiker trifft Alkoholikerin
Ausstrahldatum: 30. Juni 2022
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Erschienen in: TrookenPresse Nr. 04, Au8g./Sept. 2022

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