Muss man ganz unten ankommen?

Wie viel Warnung braucht es, bevor aus Einsicht Abstinenz wird?
trokkenpresse ganz unten ankommen
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Trotz millionenfachen Gebrauchs immer noch erlaubt und beliebt ist die Redensart, „Du musst wahrscheinlich erst GANZ unten ankommen, bevor du dich eines Besseren belehren lässt“, an die Adresse des notorischen Trinkers, der bereits zehn Entgiftungen und eine Langzeit-Reha hinter sich gebracht, dabei noch ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung in der Wohnung hat, und im Moment, in dem ihm dieser Satz von einem wütenden Angehörigen an den Kopf geworfen wird, mit 3.5 Promille apathisch auf dem Sofa liegt.

Nun ist die Floskel, nur weil sie bereits zig millionenfach gesagt wurde, nicht unbedingt verkehrt. Manch einer – beispielsweise der Schreiber dieser Zeilen – versteht es bloß auf die harte Tour. Nur – was ist mit „ganz unten ankommen“ bzw. „auf die harte Tour“ im Detail gemeint? Für den einen ist es bereits hart, wenn er einmal in die Klinik zum Entzug musste. Da will er niemals wieder hin. Deshalb füllt er im Nachgang zur Entgiftung brav den Antrag auf Langzeit-Reha aus, verbringt drei Monate in einem Sanatorium, arbeitet in Gruppentherapie und Ergo engagiert mit, macht sich viele Notizen zum Thema Rückfallprophylaxe, wird als geheilt entlassen und knüpft unmittelbar dort wieder an, wo er ein halbes Jahr zuvor gestoppt hatte. Rührt danach nie wieder einen Tropfen Alkohol an. So was gibt’s nicht, sagen Sie? Doch, gibt es, antworte ich. Habe einige dieser wundersamen Trinker, die bereits nach dem ersten Klinikaufenthalt in die Fraktion der Abstinenzler rüberwechselten, leibhaftig kennengelernt.

Andere benötigen deutlich mehr Warnhinweise, um den Irrsinn, den sie betreiben, zu kapieren und sich Gedanken darüber zu machen, wie man vom Todeskarussell abspringen kann. So kommen einige erst zu Verstand, sobald sie ans Bett fixiert und an Schläuche angeschlossen in der Intensivstation aufwachen. Der nächste kriegt irgendwann die Krise, weil er nach zwei Jahren Dauersuff feststellt, dass ihm sämtliche Verwandte und Freunde verlorengegangen sind. Wiederum ein anderer erträgt es nicht, vom gutverdienenden Sparkassen-Abteilungsleiter zum Hartz 4-Almosenempfänger abgerutscht zu sein. Der Fünfte wiederum bekommt es plötzlich mit der Angst, weil der Stationsarzt ihm in sorgenvoller Tonlage mitteilt: »Noch ein Absturz und Sie liegen nicht mehr hier oben, sondern in der Kühlkammer unten im Keller«. Und dem letzten hier vorgestellten Säufertypus ist das alles scheißegal. Der will nur noch in Ruhe weiterzechen, bis ihn ein – hoffentlich schmerzfreier – Trinkertod ereilt.

Wir begreifen also, dass „auf die Harte“ für jeden was anderes bedeuten kann. Für den Sensiblen reicht vermutlich schon die Androhung der Ehefrau, ihn morgen mitsamt der Kinder zu verlassen, die er nicht wiedersehen wird, solange er weitersäuft. Beim Geldorientierten leistet eventuell der Gerichtsvollzieher unbewusste Unterstützung, indem Kontopfändung , Sperrung der Kreditkarte und Zwangsversteigerung des Reiheneckhauses derart schmerzen, dass Nicht-Trinken als das geringere Übel im Vergleich zur Perspektive alkoholbedingt arm und obdachlos angesehen wird. »Wenn Sie nicht SOFORT mit Wodka und Doppelkorn aufhören, erleben Sie Ihren nächsten Geburtstag nicht« aus dem Mund eines vertrauenerweckenden Mediziners hat bei einigen auch schon großen Effekt gezeigt. Es kann aber auch passieren, dass die hier exemplarisch angeführten Warnschüsse genau das Gegenteil von dem auslösen, wozu sie gedacht waren. In dieser negativen Schubumkehr greift der Betroffene erst recht zur Flasche und lässt sich noch voller laufen, als er es sonst tut. Eine Garantie, dass ein an den Kopf geschleudertes Horrorszenario genau das bewirkt, was Sie als Partner/ Verwandter/ Freund damit bezwecken wollen, gibt es nicht. Schon gar nicht bei solch labilen Adressaten wie Alkoholikern.

Was Sie aber auf gar KEINEN Fall machen sollten, ist es, leere Drohungen auszusprechen. Denn sobald Sie einer Ankündigung, beispielsweise, »Ich verlasse dich«, keine konkrete Tat folgen lassen, sondern weiterhin als Dulder oder Dulderin am Krankenbett des Patienten – das in der Realität zumeist die IKEA-Couch im Wohnzimmer ist, auf der die Schnapsdrossel leider nicht fröhlich zwitschernd, sondern entweder apathisch brabbelnd oder aggressiv vor sich hin schimpfend sitzt, während gleichzeitig ohrenbetäubender Lärm aus dem Fernsehgerät ertönt – ausharren, wird Sie der Trinker fürderhin nicht mehr Ernst nehmen und Ihnen beim nächsten Mal mit mittelschwerer Artikulationsproblematik entgegnen: »Machst du eh nicht«. Womit er in 90 Prozent der Fälle Recht hat, weshalb es für ihn keinen Grund gibt, die Sauferei an den Nagel zu hängen bzw. den Mariacron in den Ausguss zu kippen. Der seine Drohung nicht wahrmachende Partner verwandelt sich über kurz oder lang in einen bedauernswerten Co-Abhängigen. Das aber ist wiederum ein neues Thema, über das man eine separate Kolumne schreiben muss, weshalb ich an dieser Stelle abrupt stoppe.

Alte Alkoholikerweisheit aus der geschlossenen Abteilung: Wer tief stürzt, muss zusehen, dass ihm in letzter Minute noch die Gnade der Spontanerleuchtung zuteil wird. Andernfalls folgt auf den tiefen Sturz unweigerlich ein Armenbegräbnis.
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Erschienen in: TrokkenPresse No. 04, Aug./Sep. 2020

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