Schlaf, Ernährung, Arbeit, Sport, Freizeit: Für alles gibt es inzwischen Messwerte, Regeln und Verbesserungsvorschläge. Der eigene Alltag wird geplant, kontrolliert und ausgewertet. Selbst Erholung soll einen Zweck erfüllen. Aus dem Wunsch, das Leben besser zu machen, ist ein Dauerauftrag geworden.
NICHTSTUN IST ZEITVERSCHWENDUNG
Zeit ist kostbar. Eine der Binsenweisheiten, die so lange wiederholt wird, bis niemand mehr fragt, was mit der Zeit eigentlich passieren soll.
Die Antwort liefert der moderne Alltag: Sie muss genutzt werden.
Ein freier Nachmittag wirkt schnell wie eine Lücke, die es zu füllen gilt. Wer drei Stunden auf dem Sofa liegt, hat drei Stunden verbraucht. Wer dagegen joggt, kocht, liest, aufräumt oder einen Onlinekurs absolviert, kann am Abend wenigstens etwas vorweisen.
Das klingt vernünftig. Bis man sich fragt, warum jede Stunde etwas vorweisen muss.
Kalender werden in Blöcke zerlegt. Aufgaben bekommen Prioritäten. E-Mails werden gebündelt. Meetings werden verkürzt. Konzentrationsphasen werden geplant. Pausen stehen im Kalender.
Das Smartphone hilft dabei. Es erinnert an Termine, zählt Schritte, misst Schlaf, registriert Bewegung und meldet, wenn man zu lange sitzt. Es begleitet den Tag nicht mehr nur. Es bewertet ihn.
Man kann einen ganzen Tag damit verbringen, den nächsten Tag besser zu organisieren.
Dann ist der Tag vorbei.
DER KÖRPER LIEFERT DIE DATEN
Besonders gut funktioniert Optimierung dort, wo sich etwas messen lässt.
Der Körper eignet sich dafür hervorragend.
Schritte zählen. Kalorien zählen. Gewicht messen. Puls beobachten. Schlafphasen kontrollieren. Trainingszeiten vergleichen. Proteinzufuhr berechnen.
Was früher einfach zum Alltag gehörte, bekommt jetzt eine Zahl.
Das kann sinnvoll sein. Wer sich mehr bewegen will, kann Schritte zählen. Wer sein Training steuern will, kann den Puls beobachten. Wer seine Ernährung verändern will, kann Kalorien oder Nährwerte berücksichtigen.
Nur bleibt es selten bei der Information: Aus der Messung wird eine Bewertung. Aus der Bewertung wird ein Ziel. Aus dem Ziel wird eine tägliche Aufgabe. Dann läuft man nicht mehr, weil man Lust auf Bewegung hat, sondern weil noch 2.300 Schritte fehlen. Man schläft nicht mehr einfach. Man prüft am nächsten Morgen, wie gut man geschlafen hat. Man isst nicht mehr nur ein Abendessen. Man rechnet mit.
Der Körper wird zum Projekt.
Und Projekte brauchen Fortschritt.
ARBEIT LÄSST SICH IMMER NOCH VERBESSERN
Im Berufsleben ist die Optimierung längst ein eigener Markt.
Es gibt Methoden für E-Mails, Meetings, Prioritäten, Konzentration und Zeitplanung. Deep Work soll ungestörtes Arbeiten ermöglichen. Timeboxing ordnet den Kalender. To-do-Apps erinnern an Aufgaben, die sonst vergessen werden könnten.
Dazu kommen Bücher, Podcasts, Newsletter und Seminare.
Die Botschaft ist schlicht: Du könntest effizienter arbeiten.
Das stimmt in vielen Fällen.
Nur entsteht mit jeder Methode eine weitere Aufgabe. Die Arbeit muss erledigt werden. Der Umgang mit der Arbeit muss ebenfalls verbessert werden. Danach lässt sich noch prüfen, ob die Verbesserung effizient genug war.
Man kann morgens eine Stunde damit verbringen, den Arbeitstag zu planen, damit man anschließend möglichst produktiv arbeitet.
Der Kalender ist voll mit Arbeit über die Arbeit.
Das ist der Punkt, an dem Optimierung ihren Charme verliert.
AUCH FREIZEIT BEKOMMT EIN ZIEL
Freizeit war einmal die Zeit, in der nichts erledigt werden musste.
Heute muss sie häufig etwas leisten: Sport soll fit machen. Lesen soll bilden. Kochen soll gesund sein. Schlaf soll regenerieren.
Selbst Unterhaltung wird ausgewertet. Serien bekommen Bewertungen, Filme Sterne, Bücher Rankings. Algorithmen suchen heraus, was gefallen könnte. Für die Auswahl muss man nicht einmal mehr selbst zuständig sein.
Urlaub zeigt das Prinzip besonders deutlich: Zwei Wochen irgendwo sitzen und nichts tun? Das klingt inzwischen fast nach einer Fehlplanung.
Besser sind Erlebnisse: Sehenswürdigkeiten. Restaurants. Ausflüge. Wanderungen. Fotos. Möglichst viel in möglichst kurzer Zeit.
Nach der Rückkehr wird erzählt, was man alles gesehen hat.
Vier Tage auf einer Terrasse zu sitzen, zu lesen und zwischendurch ins Leere zu schauen, hinterlässt weniger Material für den stündlichen Reisebericht auf Instagram.
Dafür wäre es Urlaub gewesen.
DIE SELBSTOPTIMIERUNG HAT EIN GESCHÄFTSMODELL
Mit dem Gefühl, noch nicht gut genug organisiert zu sein, lässt sich Geld verdienen.
Für fast jedes Problem gibt es ein Produkt: Wer schlecht schläft, findet Schlaf-Apps und Tracker. Wer sich schlecht konzentrieren kann, findet Programme und Methoden. Wer seine Ernährung verbessern will, findet Pläne. Wer mehr Sport treiben will, findet Uhren und Apps. Wer seine Zeit nicht im Griff hat, findet Bücher darüber.
Dazu kommen Coaches, Kurse, Podcasts und Influencer.
Das Geschäftsmodell braucht keine großen Versprechen. Es reicht die Botschaft: Da geht noch etwas.
Du kannst besser schlafen. Du kannst effizienter arbeiten. Du kannst gesünder essen. Du kannst mehr trainieren. Du kannst deine Zeit besser nutzen.
Und wenn es nicht funktioniert, war die Methode nicht gut genug.
Dann kommt die nächste.
Das ist ein bemerkenswert komfortables Geschäftsmodell. Das Ziel liegt immer knapp außerhalb der Reichweite.
Denn vollständig optimiert ist niemand.
IMMER NOCH EIN SCHRITT MEHR
Niemand muss aufhören, seinen Alltag zu organisieren.
Es ist sinnvoll, Termine zu planen. Es ist sinnvoll, Sport zu treiben. Es ist sinnvoll, auf Ernährung und Schlaf zu achten. Es ist sinnvoll, Arbeit vernünftig einzuteilen.
Die Frage lautet nicht, ob Optimierung sinnvoll ist.
Die Frage lautet, wann sie anfängt, selbst Arbeit zu werden.
Wer seinen Schlaf misst, besitzt ein Hilfsmittel. Wer jeden Morgen zuerst den Schlafwert kontrolliert, hat eine neue Aufgabe.
Wer Schritte zählt, besitzt eine Information. Wer abends noch eine Runde dreht, weil sonst das Tagesziel nicht erreicht wird, hat einen Auftrag.
Wer seine Arbeit organisiert, schafft Ordnung. Wer jede freie Minute verplant, schafft ein neues Problem.
Die Grenze ist unscheinbar.
Sie liegt dort, wo eine Tätigkeit nicht mehr genügt, sondern zusätzlich bewertet werden muss.
ES MUSS NICHT ALLES ETWAS BRINGEN
Man kann spazieren gehen, ohne Schritte zu zählen.
Man kann essen, ohne dabei Nährwerte zu berechnen.
Man kann einen Nachmittag verschlafen.
Man kann einen schlechten Film sehen.
Man kann ein Buch anfangen und nicht zu Ende lesen.
Man kann eine Stunde lang aus dem Fenster schauen.
Man kann sich mit jemandem unterhalten, ohne daraus einen Termin zu machen.
Man kann etwas tun, weil man Lust darauf hat.
Oder man kann es lassen.
Nicht jede Tätigkeit braucht einen Zweck. Nicht jede Stunde braucht ein Ergebnis.
Das klingt banal. Ist es auch.
Nur ist Banalität schwer geworden, wenn selbst das Nichtstun einen Grund liefern soll.
ZEIT, DIE NICHTS LEISTEN MUSS
Eine Stunde muss nicht produktiv sein.
Sie muss nichts verbessern, nichts beschleunigen und keinen Fortschritt dokumentieren.
Sie kann einfach vergehen.
Ohne App. Ohne Statistik. Ohne Tagesziel.
Danach ist eine Stunde weg.
Das ist bei Zeit nun einmal so.
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Seit einiger Zeit fragt mich DIE ZEIT in Facebook täglich Haben Sie Angst vorm Älterwerden? und überschreibt das mit „die große Umfrage“. Als ich den Link gestern endlich anklickte, rieb ich mir verwundert die Augen, denn ich entdeckte genau 3 Fragen:
(1) Haben Sie Angst vorm Älterwerden?
(2) Was macht Ihnen am Älterwerden am meisten Angst?
(3) Was würden Sie im Alter gerne tun? (11. Apr 2023)