David Lynch – 40 Jahre Blue Velvet

Zwischen amerikanischer Idylle, Abgrund und Traum
40jahre blue velvet
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40 Jahre Blue Velvet: David Lynch hat das Kino verändert wie kaum ein anderer Regisseur. Von Eraserhead und Dune über Twin Peaks bis Lost Highway und Mulholland Drive entstand ein einzigartiges Werk zwischen Traum, Abgrund und Wirklichkeit. Faszinierend – und beim Handlungsfaden mitunter auch unlogisch.

1986 war David Lynch bereits kein Unbekannter mehr. Mit Eraserhead hatte er einige Jahre zuvor seinen ganz eigenen filmischen Kosmos geschaffen, mit The Elephant Man gezeigt, dass er durchaus klassisch erzählen konnte, und mit Dune gerade einen völlig anderen Weg eingeschlagen.

Dann kam Blue Velvet.

Der Film wurde zum entscheidenden Punkt seiner Karriere – und zu dem Werk, in dem sich erstmals deutlich zeigte, wohin Lynch eigentlich wollte. Eine scheinbar normale Welt, unter deren Oberfläche etwas völlig anderes lauert.

Von hier aus lässt sich sein späteres Werk fast wie eine fortlaufende Suche betrachten: Was passiert, wenn man diese Oberfläche immer weiter aufreißt?

Der Ur-Lynch

Man muss dafür allerdings noch ein Stück weiter zurückgehen. Zu Eraserhead von 1977.

Schon in seinem ersten langen Spielfilm findet sich die eigentümliche Lynch-Welt: Schwarzweißbilder, industrielle Geräusche, groteske Körper, Sexualität, Angst, Geburt und eine Atmosphäre, die gleichzeitig faszinierend und unangenehm ist.

Eraserhead ist dabei weniger ein Film, den man sich gemütlich anschaut, als einer, den man irgendwie durchstehen muss.

Und bereits hier wird deutlich, dass Lynch anders erzählt als die meisten Regisseure. Die Handlung ist nicht unbedingt das Wichtigste. Bilder, Geräusche, Stimmungen und bizarre Figuren übernehmen einen Teil der Aufgabe, die normalerweise eine Geschichte erledigt.

Das sollte ihn für den Rest seiner Karriere begleiten.

The Elephant Man und der ungewöhnliche Fall Dune

Mit The Elephant Man zeigt Lynch 1980 allerdings, dass er durchaus auch anders kann. Der Film ist wesentlich klassischer erzählt und konzentriert sich auf die Geschichte von John Merrick. Trotzdem geht es auch hier um Außenseiter, Fremdheit und die Frage, was eigentlich als normal gilt.

Mit Dune betritt Lynch 1984 ein völlig anderes Terrain. Die Vorlage von Frank Herbert gilt als einer der großen Klassiker der Science-Fiction-Literatur und ist wegen ihrer komplexen Welt, der vielen Figuren und politischen Zusammenhänge notorisch schwer zu verfilmen. Lynch macht daraus ein visuell überwältigendes Werk, das trotz aller Eigenheiten eine durchgehende und nachvollziehbare Geschichte erzählt. Der Film ist innerhalb von Lynchs Schaffen deshalb ein Sonderfall: die Handlung bleibt nachvollziehbar. Figuren haben Ziele, Konflikte entwickeln sich, Ereignisse haben Folgen. Interessant, weil Lynch diese erzählerische Sicherheit dem Zuschauer später wieder entzieht.

Mit Blue Velvet findet Lynch 1986 endgültig zu seiner eigenen Filmsprache

1986 ist Lynch wieder ganz bei sich: Blue Velvet verbindet die klassische amerikanische Kleinstadt mit einem Kosmos, den man dort niemals vermuten würde. Jeffrey Beaumont entdeckt nicht nur ein Verbrechen. Er entdeckt eine zweite Realität, die direkt neben seiner eigenen existiert.

Dennis Hopper als Frank Booth gehört dabei zu den großen Figuren der Filmgeschichte. Isabella Rossellini, Kyle MacLachlan und Laura Dern vervollständigen eine Welt, in der das Bizarre und das Alltägliche ständig aufeinanderprallen.

Das Entscheidende ist aber nicht die Kriminalgeschichte.

Es ist die Oberfläche.

Lynch zeigt das Böse nicht irgendwo weit weg. Es liegt direkt unter der Oberfläche der heilen Welt.

Das Prinzip der doppelten Wirklichkeit wird zu einem der Leitmotive seines gesamten Werks: Hinter dem Vertrauten, Normalen und Alltäglichen existiert eine zweite Ebene, in der andere Regeln gelten.

Twin Peaks: Wenn der Abgrund zur Kleinstadt wird

1990 überträgt Lynch dieses Motiv auf das Fernsehen.

Twin Peaks beginnt mit einem Mordfall. Laura Palmer ist tot, FBI-Agent Dale Cooper kommt in die Stadt und beginnt zu ermitteln.

Doch sehr schnell wird daraus etwas völlig anderes: Mystery, Horror, Soap, schwarzer Humor und Surrealismus vermischen sich. Traum und Realität beginnen ineinanderzulaufen.

Die ersten beiden Staffeln gehören für mich zum Besten, was Lynch gemacht hat. Die Serie besitzt eine Atmosphäre, die bis heute einzigartig ist. Man kann Twin Peaks nicht einfach mit einer anderen Krimiserie vergleichen.

Die dritte Staffel von 2017 geht dann noch einen Schritt weiter und löst die ohnehin schon brüchige Grenze zwischen Erzählung und Traum endgültig auf.

Faszinierend ist das zweifellos.

Aber hier zeigt sich auch erstmals sehr deutlich meine Kritik an Lynch: Logik? Eher nicht. Atmosphäre? Jede Menge.

Lynch und mein Problem mit der Handlung

Ich komme vom Schreiben von Kurzgeschichten. Vielleicht bin ich deshalb besonders empfindlich, wenn eine Handlung ihre eigenen Regeln irgendwann nicht mehr ernst nimmt. Rätsel und Mehrdeutigkeit stören mich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Eine gute Geschichte darf Fragen offenlassen. Sie darf den Leser oder Zuschauer verunsichern. Sie muss nicht jede Tür öffnen und erklären, was dahinter steckt.

Aber für mich braucht auch eine rätselhafte Geschichte eine innere Logik. Und da macht es mir Lynch manchmal schwer. Ich kann mich auf seine Bilder einlassen. Auf seine Atmosphäre. Auf seine Figuren. Auf die Musik. Auf die seltsamen Räume und Situationen. Aber irgendwann frage ich mich: Was passiert hier eigentlich gerade – und warum?

Das mag bei Lynch genau so gewollt sein. Seine Filme funktionieren häufig eher wie Träume als wie klassische Erzählungen. Aber auch wenn ich das Prinzip verstehe, muss es mir deshalb nicht immer gefallen.

Bei Blue Velvet funktioniert es für mich noch hervorragend. Bei Twin Peaks ebenfalls – zumindest über weite Strecken.

Später wird es schwieriger.

Lost Highway und Mulholland Drive

Mit Lost Highway geht Lynch noch einen Schritt weiter. Die Grenzen zwischen Personen, Erinnerungen und Geschehen beginnen zu verschwimmen. Was zunächst wie ein düsterer Thriller aussieht, entwickelt sich zu einer Geschichte, in der selbst die Identität der Figuren nicht mehr verlässlich ist.

2001 folgt mit Mulholland Drive einer der Höhepunkte seines Schaffens. Diesmal führt Lynch nach Hollywood und verbindet eine zunächst klassische Geschichte mit einem zunehmend verstörenden Spiel aus Begehren, Eifersucht und Selbsttäuschung. Aus der Begegnung zweier Frauen in Los Angeles entwickelt sich ein rätselhafter Trip durch Traum, Erinnerung und Wirklichkeit. Trotzdem bleibt der Film emotional zugänglich. Man versteht nicht unbedingt jedes Detail, aber man versteht die Gefühle, die dahinterstehen.

Das macht Mulholland Drive stärker als manches, was Lynch später produziert hat. Er lässt den Zuschauer im Unklaren, ohne ihn dabei vollständig aus der Geschichte zu werfen.

Die leise Seite: The Straight Story

The Straight Story: Ein alter Mann fährt auf einem Rasenmäher quer durch Amerika, um seinen Bruder zu besuchen.

Das war’s.

Kein surrealistischer Horror. Keine Doppelgänger. Keine mysteriösen Räume. Keine ineinander geschobenen Wirklichkeiten.

Und trotzdem ist es ein Lynch-Film.

Er konnte auch ganz einfach erzählen.

Er wollte nur häufig nicht.

Wo ich ausgestiegen bin

Mit Inland Empire treibt Lynch die Auflösung einer nachvollziehbaren Handlung schließlich so weit, dass ich ausgestiegen bin.

Der Film ist zweifellos konsequent. Visuell und atmosphärisch ist er unverwechselbar. Aber irgendwann reicht die bloße Möglichkeit, dass alles ein Traum, eine Erinnerung, eine andere Realität oder eine Mischung aus allem sein könnte, nicht mehr. Dann fehlt der erzählerische Halt.

Das ist die größte Differenz zwischen Lynch und mir als Zuschauer: Er vertraut darauf, dass Atmosphäre, Bilder und Assoziationen einen Film tragen können. Ich möchte irgendwann wissen, was diese Geschichte eigentlich erzählt.

Was bleibt von David Lynch?

Es ist erstaunlich, wie viele Bilder aus Lynchs Filmen im Kopf bleiben.

Das abgeschnittene Ohr im Gras.

Frank Booth in Blue Velvet.

Die roten Räume von Twin Peaks.

Dale Cooper.

Die nächtlichen Straßen aus Lost Highway.

Der Mulholland Drive.

Und immer wieder die amerikanische Oberfläche, unter der etwas lauert, das dort eigentlich nicht hingehört.

Vielleicht ist das der rote Faden seines Werks: Lynch erzählt nicht einfach Geschichten über das Böse. Er erzählt von der Unsicherheit unserer Wahrnehmung. Von der Vorstellung, dass die Wirklichkeit möglicherweise nur eine dünne Schicht ist und darunter etwas völlig anderes existiert.

In Blue Velvet liegt der Abgrund unter dem Vorgarten.

In Twin Peaks verbirgt er sich unter der Kleinstadt.

In Lost Highway steckt er in der eigenen Identität.

In Mulholland Drive unter der Traumfabrik Hollywoods.

Am Ende löst Lynch sogar die Oberfläche selbst auf.

40 Jahre Blue Velvet

Vierzig Jahre nach Blue Velvet bleibt deshalb vor allem eines: David Lynch war ein Filmemacher, der seine Zuschauer nie ganz sicher sein ließ, auf welchem Boden sie gerade stehen.

Das kann faszinierend sein.

Es kann aber auch anstrengend werden.

Für mich gehören Blue Velvet, Twin Peaks, Dune, Lost Highway und Mulholland Drive zu seinen herausragenden Arbeiten – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Diese Mischung sagt viel über Lynch aus.

Dune beweist, dass er durchaus stringent erzählen konnte. Die anderen Filme zeigen, wie weit er bereit war, sich von dieser Stringenz zu entfernen.

Man muss David Lynch nicht immer verstehen.
Aber man darf ihn verstehen wollen.
Und da liegt für mich die Schwierigkeit mit dem großen Regisseur.
Denn unter all den Träumen, Rätseln und Abgründen steckt immer noch eine Geschichte.
Ich hätte nur gerne gewusst, welche.
+++

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