
Seit knapp 2 Jahrzehnten erzähle ich Facebook, was ich denke, mag und hasse. Jetzt will Mark Zuckerberg daraus eine persönliche Superintelligenz bauen. Das kann eigentlich nur schiefgehen.
Wer gestern Morgen zum Frühstückskaffee seinen Newsfeed überflog, dem blieb vor Freude (oder Schreck) das Nutellabrötchen am Kinn kleben. Denn er entdeckte ein brandneues KI-Manifest von Meta-Oberguru Zuckerberg, in dem er uns Social-Media-Fußsoldaten eine frohe Botschaft verkündete:
The best and most realistic path to building a positive AI future is by delivering superintelligence to everyone.
[…]
Everyone will have an exceptionally capable personal agent that understands you, your goals, and everything you care about.Mark Zuckerberg, The Future Is for Everyone – The Path to a Positive AI Future, Meta, 10.08.2026
Ich bin noch nicht komplett optimiert
Ich bin seit knapp zwei Jahrzehnten bei Facebook; verfüge also über die besten Voraussetzungen, meinem persönlichen KI-Überhirn demnächst bei der Arbeit zuzusehen.
Denn Facebook weiß inzwischen eine Menge über mich. Ich habe ihm jahrelang freiwillig erzählt, was ich mag, was ich nicht mag, welche Filme ich gut finde, über welche Politiker ich mich aufrege und welche Challenge-Reels ich für komplett bescheuert halte. Ich habe Fotos hochgeladen, Kommentare geschrieben, Beiträge gelikt und gelegentlich Dinge geteilt, bei denen ich mich heute frage, was zum Teufel damals mit mir los war.
Kurz gesagt: Ich habe Facebook mit meinem Leben gefüttert.
Und jetzt kommt Zuckerberg und sagt: Danke für die Daten. Wir machen daraus deine persönliche Superintelligenz.
Na prima.
Vielleicht hätte ich die Bedienungsanleitung lesen sollen, bevor ich 20 Jahre lang den kostenlosen Beta-Tester gespielt habe.
Facebook weiß, was ich suche. Jetzt weiß es auch, was ich will.
Meta baut Facebook derzeit kräftig zur KI-Plattform um. Seit Juni gibt es den sogenannten AI Mode, der Fragen beantworten und dabei öffentlich geteilte Inhalte aus Facebook-Gruppen, Reels und anderen Bereichen von Meta heranziehen soll. Statt einfach eine Liste von Suchergebnissen vorzulegen, soll die künstliche Intelligenz daraus eine Antwort zusammenbasteln.
Das ist erst mal natürlich ungeheuer praktisch.
Früher musste ich mich durch 137 Facebook-Beiträge wühlen, um herauszufinden, welcher Vollidiot in einer Gruppe behauptet hat, dass die Mondlandung in einem Kölner Keller stattgefunden hat.
Heute erledigt das die KI für mich:
Sie liest den Schwachsinn.
Sie sortiert den Schwachsinn.
Und präsentiert mir anschließend eine Zusammenfassung des Schwachsinns.
Das ist Fortschritt.
Aber Meta will noch mehr. Für Kreative gibt es inzwischen einen KI-Assistenten, der anhand des bisherigen Contents, der Reaktionen der Community und der eigenen Ziele Vorschläge machen soll, was man als Nächstes veröffentlichen könnte.
Das gefällt mir besonders gut.
Ich tippe künftig einen Beitrag, Facebook analysiert ihn und erklärt mir anschließend, worüber ich den nächsten verfassen soll.
Ich warte jetzt nur noch darauf, dass die Maschine alsbald unter meinen Text schreibt: „Für einen Entwurf ganz okay, Henning. Aber die ersten drei Absätze sind deutlich zu lang. Außerdem fehlt ein Hund, und die Schlusspointe ist mäßig lustig.“
Der digitale Lebensberater
Zuckerbergs Vision geht allerdings weit über Facebook hinaus. Sein persönlicher KI-Agent soll uns verstehen: unsere Ziele, unsere Interessen und – halten wir uns fest – alles, was uns wichtig ist. Die Maschine soll uns beim Lernen, bei der Arbeit, bei persönlichen Projekten und offenbar bei der Optimierung unseres gesamten Daseins helfen.
Das ist der Moment, an dem ein Boomer, der sich seit Terminator 1 vor der Weltherrschaft intelligenter Maschinen fürchtet, nervös wird. Ich möchte überhaupt nicht von Skynet (pardon: Meta AI) verstanden werden. Und schon gar nicht von einer Maschine, die glaubt, sie kenne mich, weil sie meine Klicks analysiert hat.
Wenn ich 20 Jahre lang jeden Dienstag Currywurstfotos gepostet habe, bedeutet das nicht automatisch, dass Currywurst meine Persönlichkeit ist. Wenn ich mich 137 Mal über die Grünen aufgeregt habe, heißt das nicht, dass ich morgens aufstehe und zum Frühstück ein rohes Stück Fleisch verzehre und sämtlichen Müll in 1 Tonne entsorge. Und wenn ich nachts um halb zwei, „Warum sind 80 Prozent der Menschen komplett bescheuert?“, in die Tastatur gehämmert habe, war das keine Aufforderung, mir anschließend 500 Videos über die menschliche Dummheit zu schicken. Das war eine spontane und einmalige Frage eines übermüdeten 60-jährigen.
Genau darin liegt das Problem: Wir haben Facebook alles erzählt. Ursprünglich war das ein friedlicher Ort, an dem wir unseren Freunden zeigen wollten, was wir gerade machen.Dann wurde es der Ort, an dem Facebook wissen wollte, was wir gerade machen. Und jetzt soll es der Ort werden, an dem uns eine künstliche Intelligenz Anweisungen (okay: Empfehlungen) gibt, was wir als Nächstes machen sollen.
Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied:
Ich benutze die Maschine nicht mehr nur.
Die Maschine beginnt, mich zu benutzen.
Und natürlich wird das alles als persönlicher Service verkauft.
Das ist die Spezialität des Silicon Valley: Man nimmt etwas, das für einen selbst wertvoll ist, und erklärt dem Kunden, es sei vor allem für ihn da.
Meine Daten? Für dich.
Meine Aufmerksamkeit? Für dich.
Meine Gewohnheiten? Für dich.
Meine Interessen? Für dich.
Meine persönliche Superintelligenz? Ebenfalls für dich.
Wie rührend. Fast wie ein Einbrecher, der mir erklärt, er habe nur deshalb heimlich einen Zweitschlüssel angefertigt, weil er sich um mein Haus kümmern will.
Der Algorithmus kennt mich. Leider falsch.
Das Schöne an Facebook war schon immer, dass es mich besser zu kennen glaubte, als es mich tatsächlich kannte.
Ich habe irgendwann nach Sportschuhen gesucht.
Seitdem glaubt das Internet, ich sei Usain Bolt.
Ich habe mir einen Film über einen Grill angesehen.
Seitdem soll ich meine gesamte Freizeit damit verbringen, Fleisch auf Edelstahlrosten zu wenden.
Ich habe einmal einen Artikel über einen Staubroboter überflogen.
Seitdem ist meine digitale Existenz zu 40 Prozent aus Staubrobotern zusammengesetzt.
Und jetzt soll dieselbe Branche mir eine persönliche Superintelligenz schenken.
Vielleicht sollte die künstliche Intelligenz zunächst einmal lernen, den Unterschied zwischen „Ich habe danach gesucht“ und „Ich will das haben“ zu erkennen.
Das wäre bereits eine beeindruckende Leistung.
Vielleicht ist Facebook deshalb auch gar kein soziales Netzwerk mehr.
Vielleicht ist es eine Kneipe.
Nur eine ziemlich merkwürdige.
Früher saßen dort Menschen herum, erzählten Geschichten, stritten über Fußball und Politik und tranken dabei Bier. Der Wirt wusste irgendwann, wer welches Bier trinkt und wer nach zwei Kölsch anfängt, die Welt erklären zu wollen.
Facebook hat dieses Prinzip perfektioniert.
Nur dass der Wirt inzwischen nicht mehr hinter der Theke steht.
Er sitzt in einem Rechenzentrum.
Er kennt meine Vorlieben.
Er kennt meine Schwächen.
Er kennt meine Gewohnheiten.
Und er hat niemals Feierabend.
Das ist der Punkt, an dem sich die sozialen Netzwerke in eine digitale Hölle verwandeln.
Denn der alte Kneipenwirt konnte wenigstens noch sagen: „Ist mir egal … hör auf zu nerven!“
Die KI kann das nicht.
Die KI muss reagieren.
Sie muss empfehlen.
Sie muss optimieren.
Sie muss mich beschäftigen.
So lange, bis ich vergesse, dass ich eigentlich nur kurz nachsehen wollte, ob jemand auf meinen letzten Beitrag geantwortet hat.
Ich suchte ursprünglich nur nach ein bisschen Zerstreuung
Das eigentlich Absurde an Zuckerbergs Vision ist deshalb gar nicht, dass er uns künstliche Superintelligenz schenken will. Das Absurde ist, dass wir sie offenbar brauchen sollen. Und im Anschluss ohne sie nicht mehr leben können. Hat was von einem Dealer, der seine potenziellen Kunden mit einem zeitlich begrenzten Gratisangebot anfixt, um ihnen, sobald sie süchtig nach dem Stoff geworden sind, ein Bezahlangebot zu unterbreiten, das sie nicht mehr ausschlagen können.
Ich habe bisher mein Leben ohne persönliche Superintelligenz überstanden.
Nicht immer besonders elegant, zugegeben.
Aber immerhin selbstverschuldet.
Wenn ich einen schlechten Film ausgesucht habe, war ich das.
Wenn ich eine dumme Entscheidung getroffen habe, war ich das.
Wenn ich nachts um drei einen überflüssigen Kommentar geschrieben habe, war ich das ebenfalls.
Ich möchte diese Verantwortung nicht an eine Maschine delegieren. Schon gar nicht an eine Maschine von Mark Zuckerberg.
Sobald die persönliche Superintelligenz irgendwann wirklich alles über mich weiß, wird sie auch wissen, dass ich seit knapp 20 Jahren bei Facebook bin. Und dann wird sie vermutlich zu dem Schluss kommen, dass ich Hilfe brauche. Da könnte sie sogar Recht haben. Aber dafür hätte es keine Superintelligenz gebraucht.
Ein halbwegs vernünftiger Freund hätte mir das schon vor 19 Jahren sagen können.
Nur hatte der damals kein Facebook-Konto.
+++
Lesen Sie auch: Macht Facebook aggro?

»Du benimmst dich in Facebook noch arschiger als im normalen Leben«, sagt sie.
»Woher weißt du, wie ich mich in Facebook benehme?«, frage ich. »Wir sind da überhaupt nicht miteinander befreundet.«
»Glaubst du allen Ernstes, dass bloß weil du ständig meine Freundschaftsanfragen ablehnst, ich nicht trotzdem genauestens über deine Aktivitäten Bescheid weiß?«
»Du spionierst mir nach?« (11. Feb. 2019)
