Abschiednehmen von schlechten Angewohnheiten

Warum Abstinenz mehr bedeutet, als einfach keinen Alkohol mehr zu trinken
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»Ich will mit dem Trinken aufhören. Was kann ich tun?«, werde ich oft gefragt.
Einfache Antwort: »Tue es. Und zwar heute und endgültig.«
Aber natürlich ist es in 98% der Fälle nicht so einfach, und als Reaktionen ernte ich dann:
– »So dramatisch ist es bei mir jetzt auch wieder nicht. Ich habe die Sache schon im Griff.«
– »Heute noch nicht. Bin aktuell nicht so gut drauf. Aber kommende Woche werde ich es versuchen oder in 14 Tagen. Spätestens nächsten Monat.«
– »Mir schwebt eher eine vierwöchige Pause vor. Lebenslang finde ich doch übertrieben.«

In diesen Fällen zucke ich mit der Schulter, denke: Was willst du nun eigentlich genau von mir wissen und sage: »Dann ist doch alles bestens. Du wirst das schon packen.« Jeder weitere Satz aus meinem Mund ist überflüssig und verschwendete Energie. Denn der Fragende will von mir ja bloß eine Bestätigung fürs Weitermachen hören. Für Alkoholiker gelten zwei harte Feststellungen:
(a) Sobald der erste Entzug unter ärztlicher Kontrolle absolviert werden muss, ist der Point of no return endgültig überschritten. Kontrolliertes Trinken ist von jetzt an nicht mehr möglich
(b) Je mehr Entgiftungen der Patient durchläuft, desto schwieriger gestaltet sich der Ausstieg.

Aus welcher Motivationslage heraus beschließt ein Säufer, dem Konsum ein für allemal abzuschwören? Wenn schon die Frage nach den Gründen fürs Trinken nur sehr schwer zu beantworten ist, ist es beim Stoppen nahezu unmöglich, ein Patentrezept aufzuzeigen. Aus meiner Beobachtung heraus lassen sich vier Alkoholikertypen unterscheiden:
(1) Begreift beim ersten Klinikaufenthalt, dass ihm bloß der komplette Absprung von der Droge hilft. Das sind diejenigen, die in den Selbsthilfegruppen von dreißig und mehr Jahren Trockensein berichten.
(2) Ist sich des Problems zwar bewusst, experimentiert jedoch weiterhin jahrelang mit dem kontrollierten Konsum. Funktioniert nie, weshalb er immer wieder in der stationären Entgiftung landet. Ein sogenannter Drehtürpatient. Irgendwann wird allerdings auch ihm klar, dass er gegenüber dem Alkohol immer den Kürzeren ziehen wird und stoppt im letzten Moment.
(3) Gibt sich bis zum bitteren Ende dem Irrglauben hin, dass er alles steuern kann.
(4) Erkennt, dass der Kampf gegen den Alkohol nicht zu gewinnen ist, hat aber schon jegliche Hoffnung fahren lassen und hofft bloß noch auf einen gnädigen Tod.

3 und 4 sind verloren. Selbst wenn man diese Menschen ein Jahr wegsperrt, wird das an ihrem Durst nichts ändern. Bereits am ersten Tag in Freiheit marschieren sie zum nächstgelegenen Kiosk, wo sie drei Bier und eine Pulle Doppelkorn aus dem Regal holen. Eine Woche später wird der nächste Entzug notwendig. Typ 2 ist in den Kliniken häufig anzutreffen. Was muss passieren, damit er im letzten Moment die Reißleine zieht und nicht in Gruppe 3 oder 4 abdriftet? Die nun dringend anstehende Aufgabe lautet: Abschiednehmen von schlechten Angewohnheiten.

Sobald man körperlich entgiftet hat – was natürlich in Abhängigkeit von der vorherigen Dosis unterschiedlich lange dauern kann –, ist der Rest Kopfsache. Da der Alkoholiker nicht auf eine kurze Drogenkarriere, sondern im Normalfall zwei, drei Jahrzehnte Substanzmissbrauch zurückblickt, steht er allerdings vor dem Problem, dass er sich sein Leben ohne Bier, Wein und Wodka beim besten Willen nicht vorstellen kann. Denn alles, was er bisher getan hat, ist mit dem Stoff eng verwoben. Er schläft unter Alkoholeinfluss, beruhigt sich mit Schnaps, bringt sich mit Cognac in Schwung, kippt vor dem Sex vier Rum Cola, fühlt sich abends in Gesellschaft bloß noch ü2 Promille wohl, trinkt abends, während er sich mit einem Gedichtband von Rilke entspannt, einen halben Kasten Bitburger Die letzten Bastionen bilden oft Büro und Sportstudio. Sobald auch die geschleift sind, der Flachmann immer griffbereit unterm Schreibtisch bereit steht, bestimmen der Alk und dessen Beschaffung 24/ 7 den Lebensrhythmus, aus dem er nun nicht mehr wegzudenken ist.

Abstinenz bedeutet dann, all diese Aktivitäten von der Droge zu entkoppeln. Der erste Streit mit dem Partner, ohne sich vorher Mut anzutrinken. Liebeskummer, der nicht in einem Hektoliter Whiskey ertränkt wird, Sex ohne vorher drei Bloody Mary als Aphrodisiakum einzuwerfen. Das ist anfangs wirklich schwierig, für viele Abhängige leider unmöglich.

Zwischendurch stellt der Süchtige unterschwellig immer mal wieder eine Bilanz auf: welchen Vorteil bringt mir der Konsum, welche Nachteile habe ich davon? Während es für die Frühaussteiger reicht, wenn sich die Waage leicht ins Negative neigt, muss sie für den Harcdore-Trinker schon beinahe die Tischplatte berühren, bevor er den Ausstieg als lohnenswerte Möglichkeit ins Kalkül zieht. Erst, wenn
der Rausch keinerlei Genuss mehr erzeugt, sondern sofort ins Komatöse abgleitet, der Süchtige die Abstürze jedes Mal mit sehr schmerzhaften Entzügen bezahlen muss, wird der Prozess des Umdenkens einsetzen.

Manche benötigen Reanimationsmaßnahmen auf der Intensivstation und Warnhinweise à la „das nächste Saufgelage überleben Sie nicht“, um zur Vernunft zu kommen. Wobei Vernunft, Intelligenz und Willen nur Teilaspekte des berühmten „es muss klick machen“ bilden. Manchmal lautet die Triebfeder für den Ausstieg auch ganz banal: ich habe keinen Bock mehr auf den Wahnsinn.
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Erschinen in TrokkenPresse No. 05, Okt./Nov. 2021

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