
„Hast du es schon gehört?“, fragt meine alte Schulfreundin Vera am Telefon.
„Was gehört?“
„Na, das mit Jupp.“
„Was ist mit Jupp?“
„Der ist seit gestern Abend kein Alkoholiker mehr“, sagt Vera.
„Wie: der ist kein Alkoholiker mehr?“
„Jupp sagt, er trinkt jetzt seit fünf Jahren nicht, denkt keine einzige Sekunde an Wodka, und deshalb ist er kein Alkoholiker mehr.“
„Sagt ausgerechnet Jupp“, sage ich.
„Ja, sagt dein Kumpel Jupp.“
„Na, wenn Jupp es sagt, dann wird es schon stimmen.“
„Du klingst wenig überzeugt“, sagt Vera.
„Ich bin Nullkommanull überzeugt. Aber letztlich muss Jupp wissen, wie er sich selbst definiert. Das geht mich nichts an.“
„Nur, weil du als Pessimist dich auch nach zehn Jahren noch als Alkoholiker betrachtest, muss Jupp das ja nicht genauso machen. Der ist halt ein Optimist und sieht das Leben positiv. Nicht so ein Miesepeter wie du.“
„Wenn das so ist, ist ja alles klar“, sage ich und lege auf. Normalerweise legt Vera auf, aber heute tue ich es, weil mich die Sache mit meinem Kumpel Jupp ärgert, und ich erst mal eine Nacht drüber schlafen möchte, bevor ich was Grundlegendes dazu sage und schreibe.
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Ein begnadeter Linksaußen und ein noch begnadeterer Trinker
Am Werdegang von Veras und meinem Kumpel Jupp – wir kennen uns alle seit der Mittelstufe – lässt sich das unterschiedliche Verständnis von Alkoholiker exemplarisch gut aufzeigen. Jupp war, zu unserer gemeinsamen Schulzeit ein begnadeter Linksaußen und später ein ebenso begnadeter Trinker, der keinen Tag ohne seinen Gute-Morgen-Jägermeister begann und sich abends mit Minimum 3,0 Promille im Blut ins Bett legte. Vor fünf Jahren stoppte von heute auf morgen völlig eigenständig mit der Sauferei. Er hatte vorher keinen Arzt oder gar Psychologen konsultiert.
„Brauche ich alles nicht“, erklärte er mir, als ich ihn an einem heißen Julimorgen bei der Polizei am Kölner Waidmarkt in Empfang nahm, wo er die Nacht aufgrund Ruhestörung und Randale mal wieder in der Ausnüchterungszelle verbracht hatte. Jupp hat seitdem keinen Tropfen mehr angerührt. Ihm war während der sechs Stunden auf der Gummimatratze die Gnade der Spontanheilung zuteilgeworden. Medizinisch begleiteten Entzug, Gespräche mit Therapeuten, Besuche von Selbsthilfegruppen lehnte er ab. „Brauche ich alles nicht“, erklärte er damals. „JEDER Alkoholiker braucht das, um trocken zu werden“, antwortete ich. „Ich bin aber nicht JEDER Alkoholiker, sondern ein besonderer Alkoholiker. Zumal auch unklar ist, ob ich ein richtiger Alkoholiker bin“, sagte daraufhin Jupp. „Klar, bist du ein RICHTIGER Alkoholiker. Du erfüllst JEDES Kriterium. Egal, welches Schema wir zu Rate ziehen. Überall bist du im dunkelroten Bereich.“ – „Das sagst du. Ich sehe das anders.“ – „Okay, dann sieh es anders. Hauptsache, du hörst mit der Sauferei auf“, erwiderte ich. Und dann redeten wir über Fußball.
Wann ist man Alkoholiker?
Jetzt wollen wir an dieser Stelle kurz mit der Geschichte von Jupp innehalten und kurz definieren, was ein Alkoholiker eigentlich ist.:
• Er/sie trinkt regelmäßig
• und zwar Mengen, welche die WHO als gefährlich einstuft
• Das praktiziert er über einen längeren Zeitraum
• Er verspürt oft/dauernd Suchtdruck
• Er setzt die Droge gezielt ein
• Unwohlsein und Zittern stellen sich ein, falls Alkohol nicht rechtzeitig bereitsteht
• Denken und Tagesablauf werden von der Droge bestimmt.
In diesem Zusammenhang sind noch zwei essenziell wichtige säuferspezifische Phänomene zu klären: Suchtdruck und Kontrollverlust:
Suchtdruck/Craving: Umschreibt das nahezu unbezwingbare Verlangen eines Abhängigen, sein Suchtmittel konsumieren zu wollen. Craving hat seine neurobiologische Grundlage in der Sensitivierung des Belohnungssystems im Gehirn. Die Zufuhr der Substanz bewirkt die 24/7-Aktivierung einer künstlich hergestellten, als angenehm empfundenen Gefühlswelt. Der Abhängige weigert sich, negative Empfindungen zuzulassen bzw. flüchtet sich, sobald der euphorische
Höhenflug abflaut, sofort wieder in den nächsten Rausch: die Sucht als nicht mehr unterdrückbare Gier nach einem wahlweise hochgestimmten oder benebelten Erlebniszustand. Diesem unbedingten
Verlangen werden die Kräfte des Verstandes völlig untergeordnet.
Kontrollverlust: Hiermit ist nicht der einmalige Verlust an Kontrolle gemeint. Die Wissenschaft beschreibt das traurige Phänomen so: Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage, eigenständig über Trinkbeginn, Menge und Ende entscheiden. Vorher selbst gebastelte und mühsam aufrecht erhaltene Konsummuster (kein Bier vor vier, kein Schnaps in der Werkwoche) können plötzlich nicht mehr eingehalten werden. Der Süchtige tritt in das Stadium ein, in dem er seinen Konsum grundsätzlich nicht mehr steuern kann. Der Abhängige benötigt den Stoff nun rund um die Uhr. In der Extremvariante bedeutet Kontrollverlust Trinken bis zum Umfallen.
Der Kontrollverlust markiert für 99,99 % aller Trinker das definitive Ende von Hoch-die-Tassen. Oder, um es ganz modern auszudrücken: Er stellt den point of no return dar. Von nun an bleiben bloß noch zwei Möglichkeiten offen: dem Schnaps für immer und ewig abzuschwören oder sich ungezügelt ins Grab zu saufen. Dazwischen existiert kein dritter Weg, auch wenn viele Alkis davon träumen. Das Suchtgedächtnis vergisst nichts und bestraft Experimente unbarmherzig.
„Ich geh auf gar keinen Fall zu den Anonymen“
Zurück zu Jupp: Ein paar Wochen später bot ich ihm an, mich zu den Anonymen zu begleiten. „Was soll ich da?“, fragte er. „Zuhören, was von dir erzählen. Was man halt so in einer Selbsthilfegruppe tut.“ – „Ich gehe da auf gar keinen Fall hin zu diesen religiösen Spinnern“, antwortete er. „Und was ist alternativ mit Kreuzbund oder den Guttemplern? Können wir auch hingehen. Ich bin da flexibel.“ – „Brauche ich alles nicht. Ist eh immer dasselbe Gequatsche. Mir geht’s prima. Ich packe das alleine. Aber danke, dass du gefragt hast“, erwiderte Jupp. „Okay, dann schaffst du es eben alleine“, sagte ich und ging an diesem Abend ohne ihn zu den Anonymen. Jupp zieht das nun seit fünf Jahren konsequent so durch: keine SHG, kein Alkoholiker-Online-Forum und ist bisher(!) standhaft geblieben.
Da die Wege ins Himmelreich bzw. in die zufriedene Abstinenz unterschiedlich verlaufen können und jeder Trinker für sich selbst entscheiden muss, wie er es anstellt, dauerhaft trocken zu bleiben, habe ich mich seit meinem gescheiterten Angebot, ihn zu den AA mitzunehmen, aus der Zusammenstellung von Jupps Notfallkoffer rausgehalten. Mir reichte es, ihn hin und wieder nüchtern zu treffen und von Vera – die hält engeren Kontakt zu ihm als ich – periodisch zu erfahren, dass bei unserem gemeinsamen Schulfreund alles im grünen Bereich ist. Ich gab mich der Illusion hin, dass Jupp, auch wenn er nie eine Suchtklinik von innen gesehen hatte und Selbsthilfegruppen mied wie Fußballfans das Wort „Abstieg“ trotzdem zu der Einsicht gelangt war, dass er ein gottverdammter Alkoholiker ist. Denn von den 30 Fragen auf dem Jellinek-Bogen hätte er vor fünf Jahren alle 30 mit JA beantworten müssen. Unter der Voraussetzung, dass er nach der zweiten Pulle Jägermeister die Fragen überhaupt noch verstanden hätte.
Über Nacht kein Alkoholiker mehr?
Umso mehr schrillten alle Alarmglocken bei mir, als ich von Vera hörte, dass Jupp sich plötzlich nicht mehr als Alkoholiker ansieht. Das Wort sei ihm zu stigmatisierend, soll er zu Vera gesagt haben. Keine Ahnung, wo Jupp „stigmatisierend“ aufgeschnappt hat. Früher hat er solche schlauen Worte nicht benutzt. Da hätte er gesagt: „Auf so’n Scheiß wie Alkoholiker habe ich Null Bock.“ Okay, Alkoholiker ist also stigmatisierend. Weil der Begriff angeblich Assoziationen an Penner, obdachlos, schlecht rasiert, übel riechend und unter Brücken schlafend weckt. Wobei das ja zum einen nicht verkehrt ist: ich habe mich eine Zeit lang nur selten rasiert, noch seltener geduscht, und auf Parkbänken (jedoch nie unter Brücken) habe ich auch schon übernachtet. Als ich nach vielen Jahren unter Dauerstrom endlich die Reißleine zog und beschloss, von nun an ernsthaft mit dem Ausstieg zu beginnen (vorher hatte ich hin und wieder kurze Trinkpausen eingelegt), war mir ein wichtiger Abstinenzpfeiler stets bewusst – Ich war, bin und werde es IMMER sein: ALKOHOLIKER. Ich wechsele einzig den Status: von nass in trocken. Das Hauptwort bleibt dasselbe.
Leichtsinn kommt vor dem Rückfall
Warum ist das wichtig, wollen Sie wissen? Ich erklär’s Ihnen: Ein Alkoholiker, ganz egal, wie viele Jahre er keinen Wodka mehr angerührt hat, ist bis zum – hoffentlich nüchternen und zufriedenen – Lebensende eine tickende Zeitbombe: Es genügt manchmal 1 Tropfen Soave classico, um den Schalter von trocken wieder auf nass umzulegen. Ich habe genügend Patienten in den Raucherzimmern diverser Suchtkliniken kennengelernt, denen genau das passiert ist: Nach Jahren der Abstinenz spontan an einem Glas Sekt genippt und vier Wochen später mit 3.8 Promille in die Geschlossene zum Entgiften eingeliefert. Und warum ist es ihnen passiert? Diese zwei Muster stecken oft dahinter:
Leichtsinn. Der Gedanke, man sei nach xy Jahren derart gefestigt, dass einem ein Gläschen ganz bestimmt nichts anhaben kann. Dass man jetzt, nach so langer Abstinenz, alles im Griff hat
und nun wieder kontrolliert trinken kann. So wie früher in der wunderschönen Zeit, als man noch nicht zum Alkoholiker mutiert war.
Das Wiedererleben von Auslösern, die man entweder verdrängt und/oder nicht richtig aufgearbeitet hatte. So führen oft kriselnde Partnerschaften zu einem Rückfall in alte, schlechte Angewohnheiten. Beim anderen kann es eine Hiobsbotschaft vom Internisten sein, die ihn zurück zur Flasche katapultiert. Der Dritte ärgert sich grün und blau über eine Steuernachzahlung und spült den Ärger mit zwei Bier runter. Resultat in allen drei Fällen dasselbe: Der Alkohol dämpft ein paar Tage lang das negative Gefühl ab. Um diesen angenehm betäubten Zustand zu erreichen, muss jedoch die
Dosis täglich erhöht werden. Nach vier Wochen endet es im Komasuff. Und das auslösende Problem wurde derweil völlig aus den Augen verloren und natürlich nullkommanull in Angriff genommen.
Der Begriff Alkoholiker schützt den Betroffenen
Den Begriff Alkoholiker wie mein Kumpel Jupp nach fünf Jahren abstreifen zu wollen wie einen Stützstrumpf nach einer überstandenen Thrombose lässt nur zwei Schlussfolgerungen zu:
(1) entweder war er nie ein Alkoholiker (was wg. 30x JA auf dem Jellinekbogen jedoch eine irrige Annahme ist)
(2) oder aber er redet lebensgefährlichen Unfug.
Da oft Leichtsinn („Ich bin kein Alkoholiker mehr, also kann ich mir ab und an einen kleinen Schluck genehmigen. Ich habe wieder alles unter Kontrolle“) vor dem Rückfall kommt, beginne ich, mir um Jupp ernsthaft Sorgen zu machen. Das Wort „Alkoholiker“ schützt den Betroffenen und nützt deshalb mehr, als es (angeblich) stigmatisiert!
Ich werde Jupp gleich anrufen und ihm ins Gewissen reden. Denn für mich ist mein alter Schulkumpel so ein typischer Leichtsinn-Kandidat. Mache mir allerdings wenig Hoffnungen, dass das viel bringen wird. Jupp ist stur, und wenn er sich mal was in den Kopf gesetzt hat („ich bin jetzt kein Alkoholiker mehr“), dann wird er die Nummer durchziehen. Wenn’s gut geht, bleibt er dennoch stabil; wenn’s schlecht läuft – und es läuft erfahrungsgemäß oft schlecht –, werde ich ihn alsbald wieder in ner Ausnüchterungszelle einsammeln dürfen.
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Erschienen in: TrokkenPresse Nr. 02, April/Mai 2022
