Ein Gespräch, das die Welt veränderte

Wie aus der Begegnung zweier suchtkranker Männer 1935 die Anonymen Alkoholiker entstanden
Ein Gespräch, das die Welt veränderte
Bild generiert mit Open AI

Amerika wollte den Schnaps verbieten. Das Experiment ging bekanntermaßen schief. Wenige Jahre nach dem Ende der Prohibition entstand dort eine Bewegung, die einen völlig anderen Weg einschlug: Alkoholiker helfen Alkoholikern. Im Mittelpunkt standen zwei Männer, Bill W. und Dr. Bob – und ein Gespräch, das ursprünglich auf 15 Minuten terminiert war.

Erst sollte Amerika trocken werden

Die Geschichte der Anonymen Alkoholiker beginnt nicht mit Bill W. und Dr. Bob. Sie beginnt in einem Amerika, das den Alkohol schon lange als gesellschaftliches Problem bekämpfte.

Seit dem 19. Jahrhundert hatten Abstinenz- und Temperenzbewegungen versucht, den Alkoholkonsum einzudämmen. Organisationen wie die American Temperance Society, später die Woman’s Christian Temperance Union und die Anti-Saloon League, machten daraus zunehmend auch eine politische Bewegung. 1919 wurde schließlich der 18. Zusatzartikel zur US-Verfassung ratifiziert. Ab 1920 waren Herstellung, Verkauf und Transport alkoholischer Getränke landesweit verboten.

Das Experiment währte 13 Jahre. 1933 wurde die Prohibition mit dem 21. Zusatzartikel aufgehoben. Die Gründe dafür waren vielfältig: Das Alkoholverbot hatte den Konsum nicht beendet, sondern einen riesigen Schwarzmarkt geschaffen, von dem die organisierte Kriminalität profitierte. Schmuggel und illegale Bars (die sog. Flüsterkneipen) gehörten zum Alltag, während die Durchsetzung der gesetzlichen Regelung enorme staatliche Ressourcen verschlang. Gleichzeitig schwand die Unterstützung in der Bevölkerung. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise kam ein weiterer Faktor hinzu: Der Staat benötigte dringend Einnahmen – und auf legal verkauften Alkohol konnten wieder Steuern erhoben werden.

Damit war die Geschichte von Al Capone und Lucky Luciano vorbei und ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen.

Bill W. hatte eine Idee

Bill Wilson, später meist Bill W. genannt, war selbst schwer alkoholabhängig. Seine eigene Lebensgeschichte im Blauen Buch beschreibt eine lange Reihe von Trinkexzessen, Abstürzen und vergeblichen Versuchen, das Problem in den Griff zu bekommen.

Entscheidend wurde schließlich die Begegnung mit einem alten Schulfreund. Der war inzwischen trocken und erzählte Bill von seinen eigenen Erfahrungen und von einer spirituellen Lösung des Alkoholproblems.

Bill hörte zu.

Und er erkannte etwas, das für die spätere AA-Idee entscheidend werden sollte: Ein Alkoholiker konnte einem anderen Alkoholiker etwas sagen, das ein Außenstehender nicht vermitteln konnte.

Der Gedanke war zunächst noch keine Organisation, kein Programm und schon gar keine weltweite Bewegung.

Es war zunächst einfach ein Gespräch.

Dann kam Dr. Bob

Dr. Robert Smith, später nur noch Dr. Bob genannt, war Arzt und Alkoholiker. Auch er hatte bereits zahlreiche vergebliche Versuche hinter sich, sein Trinken zu kontrollieren.

Er hatte gelesen, mit Fachleuten gesprochen und sich mit religiösen und spirituellen Fragen beschäftigt. Nichts davon hatte ihn dauerhaft vom Alkohol weggebracht.

Dann erhielt seine Frau einen Anruf: Ein Mann wolle Bob treffen, der ihm möglicherweise helfen könne.

Bob war wenig begeistert. Er erklärte sich schließlich bereit – aber unter einer Bedingung: höchstens 15 Minuten.

Am 12. Mai 1935 trafen sich die beiden Männer um genau 17 Uhr in Akron, Ohio.

Kurz vor Mitternacht gingen sie wieder auseinander.

Aus den versprochenen 15 Minuten waren mehr als sechs Stunden geworden.

Zum ersten Mal sprach jemand seine Sprache

Was in diesen sechs Stunden genau besprochen wurde, lässt sich aus Bobs späterem Bericht rekonstruieren. Besonders interessant ist dabei nicht nur, was Bill erzählte, sondern warum seine Worte bei Bob eine Wirkung entfalteten, die frühere Gespräche nicht erreicht hatten.

Bob hatte bereits mit zahlreichen Menschen gesprochen, die etwas über Alkoholismus zu wissen glaubten. Bill aber hatte etwas, das ihnen fehlte: eigene Erfahrung.

Bob schrieb später: „In anderen Worten, er sprach meine Sprache.“

Das ist wahrscheinlich der wichtigste Satz für die Entstehungsgeschichte von AA. Denn damit ist im Grunde schon ein Grundprinzip der Gemeinschaft beschrieben: Ein Alkoholiker tauscht sich mit einem anderen Alkoholiker nicht mit theoretischem Wissen, sondern mit eigener Erfahrung aus.

Bill hatte selbst jahrelang getrunken. Er kannte Kontrollverlust, Angst, Scham und die vergeblichen Versprechen, künftig weniger oder gar nicht mehr zu konsumieren.

Bob musste ihm nichts erklären, was dieser nicht bereits selbst erlebt hatte.

Der 10. Juni 1935

Die Geschichte verlief allerdings nicht so geradlinig, wie man sie im Rückblick erzählen könnte.

Nach dem ersten Gespräch hörte Bob zunächst auf zu konsumieren. Diese erste trockene Phase dauerte ungefähr drei Wochen. Dann fuhr er nach Atlantic City – und begann erneut zu trinken.

Der Rückfall endete dramatisch. Bob entkam nur knapp dem Tod.

Der 10. Juni 1935 wurde sein letzter Trinktag.

Das Datum gilt in der AA-Geschichte als entscheidend. Die Einleitung zu „Dr. Bobs Albtraum“ bezeichnet den Tag ausdrücklich als Beginn seiner dauerhaften Nüchternheit und datiert damit die Geburt der AA-Gemeinschaft auf diesen Zeitpunkt.

AA war zunächst kein ausgearbeitetes Programm

AA entstand nicht eines Tages mit einem fertigen Konzept, zwölf sauber formulierten Schritten und einem Handbuch in der Tasche.

Am Anfang standen zwei Alkoholiker, die miteinander redeten. Bill hatte erfahren, dass es ihm selbst half, sich um einen anderen Alkoholiker zu kümmern. Bob wiederum begann nach seiner eigenen Nüchternheit, das weiterzugeben, was ihm geholfen hatte.

Später nennt er dafür vier Gründe: Pflichtgefühl, die Freude daran, anderen zu helfen, die Schuld gegenüber dem Menschen zurückzuzahlen, der ihm geholfen hatte – und die persönliche Absicherung gegen einen möglichen Rückfall.

Aus diesem Prinzip entwickelte sich nach und nach die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker.

Was AA bis heute besonders macht

Wer verstehen will, warum AA bis heute anders funktioniert als eine klassische Therapiegruppe, muss sich diese Anfänge vor Augen halten.

AA ist Selbsthilfe. Nicht der Therapeut steht im Mittelpunkt, sondern der Erfahrungsaustausch zwischen Menschen, die selbst vom Alkohol betroffen sind. Dazu kommt die Anonymität. Der persönliche Hintergrund eines Teilnehmers soll nicht zum öffentlichen Etikett werden.

Auch die Meeting-Kultur ist ungewöhnlich: Wer spricht, erzählt in der Regel von sich selbst und seinen eigenen Erfahrungen. Der Redebeitrag wird nicht zur offenen Diskussionsrunde. Der Sprecher wird normalerweise nicht unterbrochen und nicht unmittelbar mit Fragen oder Bewertungen konfrontiert.

Und dann gibt es den vielleicht auffälligsten Unterschied: die spirituelle Dimension.

AA verlangt nicht einfach, dass man sich mit genügend Willenskraft zusammenreißt. Im „Blauen Buch“ spielt vielmehr die Bereitschaft eine zentrale Rolle, an eine „Macht, größer als ich selbst“ zu glauben. Bill beschreibt seinen eigenen Weg ausdrücklich als Hinwendung zu Gott, wobei AA daraus keine einheitliche religiöse Konfession gemacht hat.

Hinzu kommen die Zwölf Schritte, die später zum Kern des AA-Programms wurden.

Vom Gespräch zur weltweiten Gemeinschaft

Was 1935 zwischen zwei Männern begann, blieb nicht auf Akron, Ohio, beschränkt.

Aus dem persönlichen Austausch entwickelte sich eine Gemeinschaft, in der ein Alkoholiker einem anderen hilft – nicht als bezahlter Therapeut, sondern als jemand, der den Weg selbst kennt.

Bill fasst die Entwicklung am Ende seiner Geschichte in einem Bild zusammen: „Täglich wird aus dem einfachen Gespräch mit meinem Freund in unserer Küche ein sich erweiternder Kreis …“

Nach Angaben von Alcoholics Anonymous gibt es heute rund zwei Millionen Mitglieder, die sich auf 125.000 Gruppen in 180 Ländern verteilen. Bemerkenswert ist dabei die Organisationsform. Im Mittelpunkt steht nicht eine zentrale Leitung, sondern die einzelne Gruppe. Dort findet die eigentliche Arbeit statt: Alkoholiker treffen sich, sprechen miteinander, helfen Neuankömmlingen und tragen die Kosten durch freiwillige Beiträge.

Als Dach fungiert eine Dienststruktur, die Informationen und Entscheidungen zwischen den Gruppen vermittelt. In den USA und Kanada führt der Weg von den einzelnen Meetings über Distrikte und Gebietsversammlungen bis zur General Service Conference. Diese bildet die gemeinsame Stimme der Gemeinschaft in übergeordneten Fragen. Andere Länder haben eigene, autonome Verwaltungseinheiten; keine dieser Konferenzen steht über einer anderen. Das passt zu einem Grundgedanken, den Bill W. schon früh entwickelte: Die Gemeinschaft möge nicht dauerhaft von einzelnen Personen geführt werden. Die Gruppen sollen gemeinsame Verantwortung übernehmen.

Am Anfang stand keine große Organisation.

Kein Geschäftsmodell.

Keine Therapieeinrichtung.

Und auch kein staatliches Programm.

Zwei Alkoholiker saßen in einem Raum und redeten miteinander.

Der eine wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, vom Alkohol loszukommen. Der andere hatte erfahren, dass ein Leben ohne Alkohol möglich ist.

Mehr brauchte es für den Anfang nicht.
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