
»Die Kapitulation der AA klingt so negativ. Ich habe alles im Griff und mich Nullkommanull aufgegeben«, sagt eine Bekannte, die gemäß eigener Aussage hin und wieder mal ein Gläschen trinkt, jedoch morgens Mühe hat, ohne Aspirin aus dem Bett zu kommen.
»Zu den Anonymen gehe ich auf gar keinen Fall. Dieser religiöse Quatsch ist nichts für mich«, sagt ein anderer Bekannter, der nicht hin und wieder ein Gläschen, sondern jeden Abend eine halbe Flasche Wodka kippt und sowieso in keine Selbsthilfegruppe geht.
Wir wollen uns deshalb heute mit zwei Dingen beschäftigen:
(A) Der sogenannten Kapitulation
(B) Dem (angeblich) religiösen Charakter der AA-Meetings.
(A) Die Kapitulation
Lassen Sie uns erstmal nachschauen, was Kapitulation eigentlich beinhaltet. Das Wort stammt vom lateinischen Verb ‚capitulare‘, was man mit ‚in Kapitel einteilen‘ übersetzt und ursprünglich einen Vertrag oder eine schriftliche Vereinbarung meinte. Im umgangssprachlichen Gebrauch wird ‚Kapitulation‘ überwiegend dann verwendet, sobald eine Seite geschlagen ist und vom Gegner diktierte Bedingungen akzeptieren muss. Auch wenn jemand ein Vorhaben oder eine Meinung aufgeben soll, wird von Kapitulation gesprochen. Soweit also zur Etymologie des Begriffs. Passt alles nicht so richtig, meinen Sie? Stimmt einerseits, denn wir setzen keinen Vertrag mit dem Alkohol oder denjenigen, die ihn uns verkaufen, auf; aber andererseits kapitulieren wir im Sinne von, ‚Wir akzeptieren die neuen Bedingungen‘ ja schon. Die neuen Bedingungen lauten: KEIN Tropfen Alkohol mehr, keine noch so kleinen Experimente mit Bier, Wein & Sekt, Trennung von liebgewordenen Angewohnheiten (z.B. der abendliche Whisky zum Runterkommen) und Freunden, die uns nicht guttun und zum Trinken animieren.
Die Anonymen Alkoholiker sprechen in Schritt 1 ihres 12-Schritte Programms von Machtlosigkeit:
„Wir erkennen an, dass wir unseren eigenen Problem gegenüber machtlos sind“, was es eventuell besser als Kapitulation trifft. Gemeint ist jedoch beide Male dasselbe: Krankheitseinsicht & Aufgabe. Nur, wer bereit ist, seinen aus dem Ruder gelaufenen Konsum als Krankheit anzuerkennen und des Weiteren zu begreifen, dass kontrolliertes Trinken nicht funktioniert, den täglichen Kampf mit dem Alkohol beendet, kann aus dem Teufelskreislauf ausbrechen. Vor die allmähliche Genesung hat der Gott der Säufer also den Verzicht gesetzt. Allerdings nicht den Verzicht auf sämtliche Freuden, die das Leben bereithält, sondern bloß in Blickrichtung auf den Alkohol. Kapitulation als Loslösung vom Alten und Hinwendung zum Neuen, die Befreiung vom Alkohol als nicht-verhandelbare Voraussetzung, um wieder ein selbstbestimmtes Dasein führen zu können. Per aspera ad astra: Aus den Niederungen des Suffs langsam wieder hinauf ans Licht der körperlichen und geistigen Gesundheit.
Wer das nicht verstehen will, weil er Kapitulation für sich selbst nicht akzeptiert, der wird weitertrinken.
(B) Der (angeblich) religiöse Charakter der AA-Meetings
Ob Bill und Bob, die beiden sagenumwobenen Urväter der AA, immer schon religiös waren oder aufgrund eines Erweckungserlebnisses zum Glauben fanden, weiß ich nicht.
Einige ihrer Schritte klingen verdammt nach Gottesdienst:
Wir gelangten zur Überzeugung, dass nur eine Macht, die größer ist als wir selbst, unsere eigene geistige Gesundheit wiederherstellen kann.
Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie ihn jeder für sich versteht, anzuvertrauen.
Mit der nachträglich eingefügten Formel, ‚Wie ihn jeder für sich versteht‘, soll sichergestellt sein, dass sich Angehörige sämtlicher Religionen und Glaubensgemeinschaften bei den AA zu Hause fühlen. Trotzdem bleibt die Frage: Was hat das Saufen bzw. das Aufhören mit Gott zu tun? Geht’s nicht auch ne Nummer Kleiner? Kann man so sehen – also, dass es auch ohne die Hinzuziehung von Gott funktioniert –; allerdings schadet Gott, so wie ihn jeder für sich versteht, ja keinem Teilnehmer. Ich selber bin mäßig religiös, eher Ungläubiger denn Gläubiger, fand das gemeinsame Gebet am Ende der Treffen anfangs merkwürdig und gewöhnungsbedürftig und ging dennoch immer wieder hin. Und zwar aus folgenden 3 Gründen:
(1) Die Regel, dass jeder ausreden kann, ohne zwischendurch unterbrochen zu werden, ist Gold wert: Möchte gar nicht wissen, wie viele Unentschlossene vorschnell abbrechen und frustriert weitersaufen, weil sie bei ihrer Beichte ständig von Klugscheißern unterbrochen werden.
(2) Die häufige Frequenz: Man kann, wenn man will, jeden Tag ein Meeting besuchen. Das hat mir v.a. in der Anfangsphase meiner Abstinenz sehr geholfen.
(3) Die Überall-Verfügbarkeit/globale Abdeckung: Egal, an welchem gottverlassenen Winkel der Erde man sich im Moment befindet – die nächste AA-Anlaufstelle wird nicht weit entfernt liegen.
Letztlich ist es völlig egal, welche Gruppe (Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler, Freundeskreis, AA) Sie besuchen. Hauptsache, Sie besuchen eine. Aber nur, weil’s bei den AA ein bisschen spirituell zugeht, zu behaupten, das seien religiöse Spinner, ist Mumpitz. In den AA-Gruppen, die ich kenne – und ich habe im Laufe der Jahre viele kennengelernt – wurde bis auf das Gelassenheitsgebet – das übrigens sehr nachdenkenswert ist – nicht gebetet oder gar über Gott räsoniert. Es dreht sich wie bei allen anderen SHGs zu 99.9 Prozent um die Schilderung von Trink- und Alltagsgeschichten.
Wenn die o.g. Hin-und-wieder-ein-Gläschen-Konsumentin sagt, dass sie von Kapitulation nichts hält oder der Halbe-Pulle-Wodka-Kipper meint, nicht zu den AA gehen wollen, weil’s dort zu sehr nach Religion und Weihrauch riecht (er aber auch zu keiner anderen Gruppe geht), dann wollen beide eigentlich bloß in Ruhe weitersaufen. Wer hingegen nachhaltig aufhören möchte, also nicht nur eine kurze Trinkpause einlegt, der akzeptiert seine Machtlosigkeit und geht auch zu den AA, falls ihm die Teilnehmer der Gruppe zusagen.
Und weil das Gelassenheitsgebet wirklich gut ist, soll es am Ende dieser Kolumne stehen:
Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Geht doch, oder?
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Erschienen in: TrokkenPresse No. 03, Jun/Jul 2021
