Ritas zu gutes Herz

Warum Co-Abhängigkeit gefährlich ist und woran man sie erkennt
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Vor ein paar Tagen erhielt ich den Anruf einer Schulfreundin, die mit einem meiner früheren Kumpels verheiratet ist, mit dem ich in den 70ern in der C- und B-Jugend in derselben Fußball-Vorort-Mannschaft kickte. Wir hatten uns zwei Jahrzehnte lang nicht gesehen und dann auf einer unserer im 5-Jahre-Turnus stattfindenden Abiturgedenkfeiern wiedergetroffen. »Immer noch glücklich mit Heinz?«, hatte ich mich damals bei ihr erkundigt, und sie antwortete zwar »Ja«, aber am Ausdruck ihrer Augen erkannte ich, dass das nur die halbe Wahrheit war.

Und nun rief sie mich an einem Dienstagabend gegen 23 Uhr an. Eine eher ungewöhnliche Uhrzeit für zwei ehemalige Klassenkameraden, die das letzte Mal vor vierzig Jahren miteinander telefoniert hatten. »Alles in Ordnung bei dir?«, fragte ich. »Nein, ganz und gar nicht«, sagte sie.
»Was ist los?«
»Heinz sitzt sturzbetrunken auf dem Sofa. Kann keinen vernünftigen Satz mehr sprechen. Lässt sich volllaufen, pöbelt rum. Es kotzt mich so dermaßen an. «
»Passiert das oft?«, wollte ich wissen.
»Fünf Mal in der Woche.«
»Oh! Das ist viel«, sagte ich, »Wie lange macht er das schon?«
»Seit Jahren und es wird ständig schlimmer … Was soll ich tun?«
»Ehrliche Antwort?«
»Natürlich eine ehrliche Antwort. Sonst würde ich dich nicht so spät anrufen. Gib mir einen Tipp. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Lange halte ich das nicht mehr aus.«
»Ruf den Krankenwagen und lass ihn einweisen.«
»Als ob die einen Betrunkenen mitnehmen. Dem fehlt ja sonst nichts.«
»Sag den Sanitätern, er hätte gedroht, sich was anzutun. Dann müssen sie ihn einkassieren und ein paar Tage in der Klinik behalten.«
»Das kann ich nicht«, schluchzte sie.
»Warum kannst du das nicht?«
»Weil’s eine Lüge wäre.«
»Eine fromme Lüge, die eventuell ihm beim Aufwachen in der geschlossenen Abteilung die Augen öffnet und dir ein paar Tage Luft verschafft.«
»Luft verschafft: wofür?«
»Deine Koffer zu packen und auszuziehen.«
»Ausziehen: wohin?«
»Was weiß ich? Zu deinen Eltern, einer Freundin, ins Hotel. Hauptsache, erstmal weg und die notwendige Distanz schaffen.«
»Das bringe ich nicht übers Herz«, rief sie erregt in den Hörer.
»Warum bringst du das nicht übers Herz?«
»Weil das meinen Mann umbringen würde. Er braucht mich.«
»Dann bringt’s halt dich schrittweise um«, erwiderte ich.
»Deine Ratschläge sind zu hart«, sagte sie und legte auf.

Ein harter Ratschlag

Natürlich ist der Ratschlag, den saufenden Partner einweisen zu lassen und sich dann von ihm zu trennen, hart. Jedoch hat er den unwiderlegbaren Vorteil, dass sich der nicht-trinkende Teil der Familie damit erstmal vom wodkagetränkten Spielfeld entfernt und aus sicherer Entfernung beobachten kann, welche Konsequenzen der saufende Vater oder die saufende Mutter aus dieser neuen Situation zieht, und ob er/ sie bereit ist, die notwendigen Maßnahmen für eine Radikalkur einzuleiten. Rita, so heißt die alte Schulfreundin, ist ja nun nicht die einzige Person auf der Welt, die mit einem Alkoholiker liiert ist und peu à peu in die Co-Abhängigkeit abrutscht. Und Co-Abhängigkeit ist zwar etwas weniger übel als das Saufen selbst, aber übel ist sie allemal und kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass der anfangs wenig oder gar nicht konsumierende Partner irgendwann aus lauter Verzweiflung ebenfalls zur Flasche greift. Wenn also gutes Zureden und Angebote der Unterstützung beim Ausstieg nicht fruchten, muss die Option der Flucht ins Auge gefasst werden. Lieber sich selbst in Sicherheit bringen, als aus falsch verstandener Loyalität gemeinsam absaufen.

3 Stadien der Abhängigkeit

Woran erkennt man, in welchem Stadium der Co- Abhängige sich befindet? Diese seelische Erkrankung – denn um eine solche handelt es sich – wird in drei Phasen eingeteilt:
(1) Nachsicht: Verständnis für vieles Trinken, Zuwendung durch Aufmerksamkeit und Mitgefühl, Verdrängung der Realität, Ermunterung zu Selbstdisziplin: »Versuch, einen Abend nichts zu trinken«,
Empfehlungen: »Geh doch mal zum Psychologen und rede mit dem«.
(2) Vertuschen: Trinken wird kleingeredet und vor Nachbarn/ Verwandten verheimlicht, Aufgaben des Abhängigen werden übernommen (Einkaufen, Hausarbeit, Behördenbesuche etc.), uferlose Diskussionen mit dem Trinker, die allerdings jedes Mal ohne konkretes Ergebnis enden.
(3) Überwachung: beobachten und kontrollieren, Isolierung und Ausgrenzung, Aggressionen, Verachtung.

Nur wenigen gelingt der letzte Schritt: Verlassen/ Auszug, Scheidung.

An Co-Abhängigkeit kann man sich gewöhnen

Je länger der Partner die Trinkexzesse toleriert, desto schwieriger wird es, die Geisterbahnfahrt aus eigener Kraft zu stoppen. Bricht Heinz sich nicht freundlicherweise irgendwann das Genick oder platzt seine Leber, wird Rita mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in zwanzig Jahren noch mit ihm unter einem Dach wohnen. Zwar kreuzunglücklich, aber sie tut es. Denn auch an den Zustand der Co- Abhängigkeit kann man sich gewöhnen.

Was sollte man vernünftigerweise tun, um Schaden von sich selbst – und Kindern, die es ja auch oft gibt – abzuwenden? Spätestens zum Zeitpunkt der Weigerung, sich mit einem Psychologen über das Problem auszutauschen, muss mit Konsequenzen gedroht werden: »ICH ziehe aus und nehme die Kleinen mit«. Den Trinker aus dem Haus zu bekommen, gestaltet sich zumeist schwierig. Er/ sie wird es nicht einsehen, ständig anrufen, vor der Tür stehen bis hin zum Stalking. Mitleid ist das falsche Rezept. Er kann gegensteuern, den Konsum reduzieren (besser: komplett stoppen), ärztlichen Rat
einholen, sich in therapeutische Behandlung begeben. Falls er das selbständig nicht auf die Reihe kriegt, existieren zwei Erklärungsansätze für das Versagen: entweder will er nicht, oder die Krankheit ist bereits so weit fortgeschritten, dass es ihm nicht mehr möglich ist, auf die Bremse zu treten. Im zweiten Fall hilft eh nur ein Entzug mit professioneller Unterstützung, der jedoch nur dann erfolgreich sein wird, wenn sich Reha und der Besuch einer Selbsthilfegruppe anschließen.

Trinker sind Egoisten

Die falsche Herangehensweise ist es, dem Trinker ein schönes Zuhause anzubieten, wo er sich jeden Abend gemütlich volllaufen lassen kann. Das bisschen Stress am nächsten Morgen, »boh, was warst du gestern wieder betrunken. Denk doch auch mal an mich und die Kinder«, steckt er locker weg, weil er weiß, dass nichts weiter passieren wird.

Alkoholiker sind Egoisten, die alles und jeden ihrer Sucht unterordnen. Allerdings benötigt ein Großteil von ihnen ein halbwegs intaktes familiäres Umfeld, denn der Säufer ist labil und hat große Angst vor dem Alleinsein. An dem Tag, an dem dies wegzubrechen droht, schaffen einige es in letzter Sekunde doch noch, die 180-Grad-Kehrtwende herbeizuführen; den anderen ist vom Laien sowieso nicht zu helfen. Wer als Partner eines Süchtigen nicht in die Co- Abhängigkeit wegdriften will, ist also, solange der Erkrankte keine Anstalten macht, die Situation von sich aus zu verändern, gut beraten, die Koffer zu packen und das gemeinsame Haus des Elends – ohne Rückfahrkarte – zu verlassen,. Die Erfahrung lehrt: es wird schlimmer und nicht besser. Bis hin zu häuslicher Gewalt. Co-Abhängige, die bleiben, sind immer gefährdet, selbst in die Sucht abzurutschen, Zudem steigt bei ihnen das Risiko, an Angstattacken, depressiven Schüben, Selbstzerstörungstrieb u.ä. zu erkranken, stark an. Wie es Rita mir im Verlauf des oben geschilderten Telefonats erklärte: »Heinz hat den Alkohol im Blut, ich im Kopf. Ich kann kaum noch an was anderes denken«.

An wen man sich wenden kann:
Kompetente Unterstützung erfahren Co-Abhängige bei allen auf Suchthilfe spezialisierten Organisationen: AA, Kreuzbund, Blaues Kreuz, Caritas, Freundeskreise.
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Erschienen in: TrokkenPresse No. 02, Apr./Mai 2020

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