Schreib mal wieder was

Schreiben, Musizieren, Sport: Hauptsache, die Langeweile gewinnt nicht
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Schreiben ist eine hervorragende Beschäftigung, um der Langeweile, die jeden trockenen Trinker hin und wieder ereilt, zu entfliehen. Und wenn Sie partout nichts schreiben wollen, dann erlernen Sie eben ein Instrument oder trainieren für den nächsten Köln-Marathon. Eine Mach-was-Sinnvolles-Kolumne.

Wenn Sie wissen wollen, was ich tue, wenn mir langweilig ist, denn zu viel Langeweile ist schließlich die Mutter des Rückfalls – dann antworte ich Ihnen: Ich setz mich hin und schreib was. Beispielsweise diese Kolumne. Man kann aber nicht jeden Tag Kolumnen schreiben, sagen Sie? Das stimmt; man kann aber ne ganze Menge anderer Sachen schreiben. Beispielsweise: kleine Texte für die sozialen Netzwerke, Kurzgeschichten, Geburtstagsreden, ne Film-Rezension und – insofern man über das notwendige Sitzfleisch verfügt – auch ein Buch. Bei Büchern müssen wir unterscheiden in Fachliteratur und Belletristik, und die Zweitgenannte können wir nochmal grob aufteilen in Prosa und Poesie. Ich bin mehr der fiktionale Prosa-Typ. Fachbücher überlasse ich deshalb anderen und Poeten gibt’s sicher bessere als mich, obwohl ich mich hin und wieder schon mal an einem Gedicht probiere. Im Moment brüte ich an einem Roman. Die Fortsetzung meines Erstlings „Saufdruck“. In diesem zweiten Teil soll die Schwierigkeit, nach einem jahrelangen Ausstieg wieder in der trockenen Welt Fuß zu fassen, im Vordergrund stehen. Die erste Phase der Abstinenz ist ja nicht nur dahingehend schwierig, dauerhaft auf sein Suchtmittel zu verzichten – an das man aber nach wie vor ständig denkt –, sondern bedeutet auch beruflich oft eine arge Plackerei. Niemand erwartet den notorischen Trinker mit offenen Armen, häufig schlägt ihm Misstrauen entgegen, am Anfang muss er Jobs akzeptieren, die er früher nicht mal für doppeltes Gehalt in Erwägung gezogen hätte. Aller Anfang ist schwer. Das gilt besonders fürs Trockenwerden.

Erst eine Kurzgeschichte, dann ein Roman

Das alles lässt sich in einem Roman gut darstellen. Mir schwebt da nichts allzu Langes vor: vielleicht 250 Seiten. Mehr wollen die Leute in unserer schnelllebigen und reizüberfluteten Zeit eh nicht lesen. Ist natürlich auch nicht der erste Roman, der sich damit beschäftigt; allerdings: welcher Roman – Genre egal – hat schon was gänzlich Neues zum Inhalt, von dem man bewundernd sagt: „Das habe ich heute tatsächlich zum allerersten Mal so gelesen“? Klar, solche Bücher gibt es hin und wieder; aber für den (großen) Rest gilt der Satz: Die meisten Romane sind bloß Variationen eines Themas, das schon 1000 Mal vorher zu Papier gebracht wurde. Was auch gar nichts Schlechtes sein muss. Manchmal ist die 1001te Variation vergnüglicher oder einprägsamer als das Original. Auf jeden Fall sollte man sich als Autor nicht deshalb vom Schreiben abhalten lassen, bloß weil jemand meckert: Neu ist das aber nicht, was du uns hier präsentierst. Zumal es beim Schreiben ja nicht nur um die Reaktion des Publikums geht, sondern auch um den Prozess der Fertigung. Die muss dem Autor – Schwielen am Hintern hin oder her – Freude bereiten. Ob die Kritik das Werk lobt und es sich gut verkauft – das ist beides schön, sollte aber nicht der Hauptantrieb sein.

Was hat das alles mit mir zu tun, fragen Sie mich jetzt? Dass der Hirsch gerne schreibt, haben wir begriffen. Aber was habe ich davon, außer dass ich alle zwei Monate eine Kolumne von ihm in der TrokkenPresse finde? Ist eine berechtigte Frage.

Alles über 200 Seiten neigt zur Geschwätzigkeit

Sie könnten nun, wenn Sie noch am Beginn Ihrer Abstinenz stehen und nicht wissen, was Sie mit Ihrer vielen neuen Zeit alles Sinnvolles anstellen sollen, Folgendes in Erwägung ziehen: Schreiben Sie ein Tagebuch, das Sie in Etappen zu einer fortlaufenden Erzählung erweitern (Bram Stokers „Dracula“ ist in dieser Weise verfasst), ziehen Sie den alten Gedichtband von Rilke aus dem Regal (alternativ: in Ihrer Stadtteilbücherei ausleihen oder bei Amazon bestellen) und üben Sie, ob Sie das – zugegebenermaßen nicht einfache – Versmaß 11-10-11-10 seines Panthers hinbekommen. Sie haben kleine Kinder? Prima! Lassen Sie sich ein modernes Märchen einfallen, tippen es in Ihren Laptop und lesen es den Kids abends vor. Sie wollen direkt mit einem Roman durchstarten, in dem Sie Ihr verpfuschtes Säuferleben in plakative Worte fassen? Der neue Bukowski aus Köln-Nippes oder Castrop-Rauxel sein? Warum nicht? Schnappen Sie sich „Das Liebesleben der Hyäne“ und „Das Schlimmste kommt noch“ und studieren Sie die Bücher mit wachem Blick, damit Sie verstehen, worüber es sich zu schreiben lohnt (und ganz wichtig: worüber es sich nicht lohnt, was zu schreiben), und wie der alte Meister des Alkoholiker-Romans seine Geschichten durchorchestriert hat. Dann setzen Sie sich hin und hämmern Ihre Story runter. Im Hinterkopf behaltend, dass Bukowskis Debüt „Der Mann mit der Ledertasche“ binnen 3 Wochen entstand. Zumindest die Rohfassung. Da er stets leicht bis mittelschwer angeheitert schrieb, wird das nachfolgende Lektorat schon einige Zeit in Anspruch genommen haben. Bukowski vertrat übrigens die Auffassung, dass eine gute Geschichte nicht unbedingt lang sein muss. Keiner seiner Romane übersteigt in der Taschenbuchausgabe die 400-Seiten-Schwelle. Oder, wie Marcel Reich-Ranicki sagte: „Gibt nur ganz wenige Geschichten, bei denen es lohnt, mehr als 200 Seiten darüber zu schreiben“.

Notfalls für den Köln-Marathon trainieren

Und wenn Schreiben nun partout nicht Ihr Ding ist, dann suchen Sie sich eine andere, Sie erfüllende, Tätigkeit: malen Sie, musizieren Sie, heuern Sie in einer Laienschauspielgruppe an, treiben Sie Sport, engagieren Sie sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. letztlich egal, was Sie davon auswählen; aber machen Sie um Gottes Willen was Vernünftiges mit der vielen neuen Zeit, die Sie jetzt, seitdem Sie die Stunden nicht mehr mit Saufen verplempern, en masse zur Verfügung haben. Immer daran denkend: Die Langeweile ist dem trockenen Säufer sein Tod.

Ich mach mich nun an Kapitel 20 meines neuen Romans, in dem ich die Schwierigkeiten eines alt gewordenen notorischen Schluckspechts schildere, zurück ins trockene Leben zu finden (ich wiederhole mich, oh weh!) und habe noch 100 Seiten vor mir, bevor ich den finalen Punkt setze. Hier unter diese Kolumne setze ich ihn jetzt: PUNKT
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Erschinen in TrokkenPresse No. 02 Apr./Mai 2023

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