
Wer erkennt, dass er an den Ursachen eh nichts mehr ändern kann und sich stattdessen auf die Auslöser des Konsums konzentriert, tut sich einfacher damit, von der Droge wegzukommen.
Hatten wir am Anfang Probleme und haben deshalb gesoffen, oder haben wir zuerst getrunken und wurden Jahre später mit plötzlich unlösbar erscheinenden Schwierigkeiten konfrontiert? Klingt ähnlich wie die Frage nach der Henne und dem Ei, ist jedoch im Unterschied zur Genese des Federviehs beantwortbar: in der überwiegenden Mehrzahl der Alkoholikerschicksale stand die Flasche am Beginn der Säuferkarriere. Hierzu exemplarisch ein Dialog zwischen meinem Protagonisten Tim Keller und der Klinikpsychologin Schneider aus der Erzählung „In der Geschlossenen“:
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»Herr Keller, warum trinken Sie?« Die Psychologin kam gleich ohne Umschweife zur Sache.
»Warum, weshalb?« Ich rutschte auf meinem Stuhl herum. »Es gibt keinen alleinigen Grund. Eher zahlreiche Auslöser«, entgegnete ich schließlich.
»Das ist mir zu allgemein. Versuchen Sie, etwas konkreter zu werden.«
»Ich probiere es. Also, ich halte wenig davon, nach dem Urknall für den Alkoholismus zu forschen. Zum einen wird man ihn zumeist nicht aufstöbern. Und selbst wenn man die Ursache entdecken sollte, wird’s dem Einzelnen zum anderen nichts nutzen. Denn diese Erkenntnis wird ihn keinesfalls davon abhalten, munter weiter zu saufen.« So lautete meine Lieblingsthese, mit der ich unter den Patienten allerdings ziemlich alleine stand; von deren Richtigkeit ich aber trotzdem felsenfest überzeugt blieb.
»Das verstehe ich nicht so ganz. Können Sie mir das vielleicht erläutern?« Frau Schneider rückte sich die verrutschte Brille zurecht.
»Nehmen wir an, ein Alkoholiker erklärt, er würde trinken, weil seine Frau ihn vor einer Weile verlassen hat.« Ein originelleres Beispiel fiel mir auf die Schnelle nicht ein.
»Ja, das wird häufig vorgebracht«, pflichtete die Therapeutin mir bei.
»Jetzt behaupte ich aber, dass niemand über Nacht aufgrund eines einzigen negativen Erlebnisses zum Säufer wird. Soll heißen: Selbst wenn es zutreffen würde, dass dieser Jemand nach dem Schock der Trennung auf einmal mit dem Sturztrinken beginnt, so hat er doch in über neunzig Prozent der Fälle auch schon vorher ordentlich konsumiert. Alkoholismus ist das Ende der Fahnenstange. Vorher ist man den Mast aber viele Jahre lang hinaufgeklettert«, fasste ich meine Erfahrungen in Sachen Alkohol zusammen. Frau Schneider griff derweil nach ihrem Wasserglas und nippte daran.
»Sie glauben somit nicht daran, dass es sich lohnt, nach der Initialzündung zu suchen?«
»Nicht wirklich. Was soll das letztlich bringen? Derjenige, der vorgibt, nur deshalb zu trinken, weil er verlassen wurde, verschweigt doch zumeist, dass der Partner ging, weil eben im Vorfeld schon zu viel gesoffen wurde. Selbst wenn die Frau zurückkehren sollte, würde der Alkoholiker weitermachen. Er sucht sich danach halt einen anderen Grund. Zum Beispiel: Sie versteht mich nicht mehr; wir haben uns auseinandergelebt.«
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Soweit die Unterhaltung aus der Kurzgeschichte, die sich fiktiv anhört, aber durchaus auf realen Begebenheiten fußt. Bei Tim Keller – meinem Alter Ego – muss man natürlich ins Kalkül ziehen, dass er, als er dieses Gespräch mit Frau Schneider führte, schon eine Menge Erfahrung mit Entgiftungen, Reha- Maßnahmen und psychologischer Ursachenanalyse gesammelt hatte. Ihm war klar geworden, dass es für ihn völlig irrelevant ist, ob ein Urgrund existiert, weil er den dreißig Jahre später ohnehin nicht mehr ändern oder gar ungeschehen machen kann. Und bei nüchterner Betrachtung der Mitpatienten gilt für die dieselbe Erkenntnis: ich alleine habe mir die Sache eingebrockt. Niemand hat mich zum Saufen gezwungen. Ich bin der Verantwortliche. Von daher ist es verschwendete Lebenszeit, in dutzenden von Therapieeinheiten nach einem Urknall zu forschen, der häufig gar nicht stattfand oder – in den seltenen Fällen, wo es ihn tatsächlich gibt – nicht mehr zu revidieren ist.
Von weitaus größerer Relevanz muss es deshalb sein, die konkreten Auslöser für das exzessive Konsumverhalten zu identifizieren und ehrlich zu benennen. Dient mir der Alkohol: als Einschlafhilfe, Beruhigungsmittel, Stimmungsaufheller, Vergessenfinder, Enthemmer, Libidoverstärker, um cool zu wirken? Am Ende der Wegstrecke natürlich für alle genannten Zwecke. Am Anfang stand/en aber vermutlich nur ein oder zwei Motiv/e im Vordergrund. Und die gilt es, klar zu erkennen. Falls das nicht gelingt, wird man nach jeder Entgiftung und nach jedem Reha-Aufenthalt sofort wieder zur Flasche greifen, sobald man mit einer Situation konfrontiert wird, die man vorher nicht als Hochrisiko-Gebiet lokalisiert hat.
Dass es mit dem Verstehen der Gefährlichkeit bestimmter Situationen nicht zum Besten bestellt ist, belegt die Statistik: dauerhafte Abstinenz gelingt nur wenigen Alkoholkranken; die Quote bewegt sich im einstelligen Prozentbereich. Gutes Beispiel: Menschen, die nach der Trennung des Partners bis zur Bewusstlosigkeit saufen. Anstatt nun simpel zu begreifen, Beziehungen sind nichts für mich, ich lebe die kommenden Jahre als nicht-trinkender Single, werden Romane über schiefgelaufene Mutter-Kind- Dramen erzählt, der nächste Lebensabschnittsgefährte bereits in der Reha-Klinik akquiriert; und man kann die Uhr danach stellen, dass derjenige, der so handelt, in spätestens drei Monaten erneut im Krankenhaus aufschlagen wird. Mit derselben traurigen Story: wurde verlassen, kam damit nicht zurecht, musste trinken, und er/ sie wird es zwei Wochen später in Freiheit sofort wieder tun: sich in eine labile Kurz-Partnerschaft stürzen.
Lerneffekt gleich Null.
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Erschienen in: TrokkenPresse No. 01, Feb/Mär 2021
